Hauptnavigation:

Sie sind hier:

21. November 2009
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Spaziergang in der Wintersonne. Quelle: ZDF
Ein einsamer Spaziergang kann zu einem intensiven Naturerlebnis werden.

sonntags - tv fürs Leben

Alleinsein macht glücklich

Einsamkeit muss
kein Makel sein

Kommunikativ und gesellig zu sein sind Eigenschaften, die hohes Ansehen genießen. Einsamkeit dagegen wird von vielen Menschen als Makel betrachtet, für den man sich schämt und den es zu verbergen gilt. Doch Alleinsein muss nicht zwangsläufig mit Traurigkeit und Leiden einhergehen. Es gibt Menschen, die gerne mit sich allein sind, und dies nicht als Defizit erfahren, sondern als eine Bereicherung. So auch Mariela Sartorius, die sich in ihrem neuen Buch als "Einsamkeitsfanatikerin" outet und zu einem grundlegenden Umdenken auffordert.

 
 
 

Zitat

„Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit liegt. “

Wilhelm von Humboldt

Einsamkeit ist für Mariela Sartorius nicht der negative Begriff, als der er in unserer Umgangssprache erscheint. Er ist vielmehr von vornherein positiv besetzt. In "Die hohe Schule der Einsamkeit" stellt Sartorius die Einsamkeit als eine Lebensform vor, die - in der richtigen Weise kultiviert - uns sogar zufriedener und vielleicht auch glücklicher machen kann. Und mehr noch: Die bewusste und reflektierte Einsamkeit kann ungeahnte Potenziale in uns wecken und unsere soziale und emotionale Intelligenz stärken.

 

Der Angst den Kampf ansagen

Das klingt zunächst wie ein schönes Versprechen, das von der Realität vieler einsamer Menschen weit entfernt zu sein scheint. Die Schmerzen und die Ängste, die das Gefühl der Einsamkeit auslösen kann, werden von Mariela Sartorius jedoch nicht geleugnet. Ihr Rat: Die Einsamkeit personifizieren, sie als ein Du ansprechen und damit das Bedrohliche des Alleinseins erst gar nicht an sich herankommen lassen.

Einsamer Spaziergang im Schnee. Quelle: ZDF
ZDF
Einsamkeit als Chance, sich selbst näher zu kommen.

Das bedeutet nicht, in irgendwelche Beschäftigungen zu fliehen, wie Fernsehen, Rauchen, endloses Essen, die die Einsamkeit vergessen lassen sollen. Entscheidend ist, statt in Resignation oder Melancholie zu verfallen, sich dem zu stellen, was einem Angst macht. Dazu braucht es Mut und Kraft. Doch wer der Einsamkeit den Kampf ansagt und sich konsequent mit ihr auseinandersetzt, wird reich belohnt.

 

Sich selbst näher kommen

Warum sollte Einsamkeit ein erstrebenswerter Zustand sein? Die Stille des Alleinseins ermöglicht es, innerlich Ruhe zu finden und ohne Beeinflussung von außen über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken. Das bewusste und reflexive Alleinsein schafft Gelegenheit, sich selbst näher zu kommen und in entspannter Weise seinen eigenen Rhythmus zu finden. Auf diesem Wege kann sich ein Gespür dafür entwickeln, was einem selbst gut tut.

Zitat

„In der Einsamkeit fühlt der Jämmerliche seine ganze Jämmerlichkeit, der große Geist seine ganze Größe, kurz: jeder sich, als was er ist.“

Arthur Schopenhauer

Zur Selbstfindung und inneren Entspannung sollte Mariela Sartorius zufolge das Alleinsein bewusst geplant werden. Bei einem einsamen Spaziergang etwa kann die Freiheit der Gedanken beispielhaft erlebt werden. Die intensive und unverstellte Konfrontation mit der umgebenden Natur öffnet den Geist und macht empfänglich für die eigenen Empfindungen. Eine solche Erfahrung kann in so genannten peak experiences gipfeln, Grenzerfahrungen, die Mariela Sartorius als "zugleich Ekstase und höchste Stufe inneren Friedens" beschreibt.

 

Das Alleinsein in diesem Sinne ist seit jeher die Quelle für Spiritualität und Religiosität. Menschen, die aus religiösen Motiven die Einsamkeit suchten, gab es schon immer - wie etwa Mönche oder Eremiten. Auch heute erfreuen sich Klöster als zeitweilige Rückzugsorte allgemeiner Beliebtheit. Und nicht zuletzt für Schriftsteller und Künstler ist das Alleinsein die wesentliche Grundlage ihrer Kreativität.

Brief schreiben. Quelle: ZDF
ZDF
Alleinsein und Stille sind wesentliche Voraussetzungen für Kreativität.

Die überzeugte Solistin

Mariela Sartorius hat keinen Ratgeber verfasst mit ausgetüftelten Strategien, wie sich die Einsamkeit überwinden lässt. Als Kennerin und Liebhaberin der Einsamkeit beschreibt sie ihre persönlichen Erfahrungen und versteht es dabei, dem Leser das Alleinsein schmackhaft zu machen. Auf diesem Wege fordert sie uns auf, den Blickwinkel auf die Einsamkeit zu verschieben. Dem gängigen Bild vom verschrobenen und larmoyanten Einzelgänger, der nur mit sich selbst beschäftigt ist und allen sozialen Kontakten abgeschworen hat, stellt sie die "überzeugte Einzelgängerin" gegenüber.

Buchcover: Die hohe Schule der Einsamkeit. Quelle: ZDF
ZDF

Für eine Solistin, wie Sartorius sie versteht, schließt der ausgeprägte Hang zum Alleinsein nicht aus, zugleich lebhafte soziale Kontakte zu haben. Denn wer mit dem Alleinsein gut zurechtkommt, wird mit der Zeit freier und offener und kann anderen mit umso mehr Interesse und Anteilnahme begegnen. Eine solche Einzelgängerin scheut auch das Bad in der Menge nicht. "Der Solitär mit Überblick macht sich beide Zustände bewusst. Er ist zugleich ein Meister seines Alleinseins und ein staunender Amateur und interessierter Zuschauer seiner Teilhabe am Gewusel der Menschheit."

Die hohe Schule der Einsamkeit
Von der Kunst des Alleinseins

Von Mariela Sartorius
Gebundene Ausgabe - 192 Seiten
Gütersloher Verlagshaus (erscheint Ende Februar 2006)
17,95 Euro