Wenn im Frühjahr warme und kalte Luft aufeinander treffen, kommt es zu wechselhaftem Wetter, oft mit kräftigem Wind und Hagelschauern. Gerade für Starkniederschläge sind die Prognosen immer noch schwierig und wenig präzise. Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich können solche Wetterlagen jetzt besser einschätzen: Sie haben sich auf kurzfristige, punktgenaue Vorhersagen spezialisiert.
Wegen ungenauer Wetterprognosen kommt es immer wieder zu Unfällen. Das Risiko für Wassereinbrüche nach starken Regenfällen betrifft vor allem Abenteuer-Sportarten wie das so genannte Canyoning. Solche Touren sollten unterbleiben, sobald ein erhöhtes Risiko für Starkniederschlag über dem Einzugsgebiet der jeweiligen Schlucht erkennbar wird. Voraussetzung dafür ist aber eine punktgenaue Wettervorhersage.
Im Frühsommer 1999 steigt eine Gruppe junger Menschen in den Saxetenbach, ein Gebirgsbach im Berner Oberland. Durch Neoprenanzug und Helm geschützt lassen sich die Sportler den Bach herunter treiben. Canyoning heißt das Abenteuer. Die Tourveranstalter versprechen ein unvergessliches Erlebnis und Adrenalin pur.
Doch es kommt anders. Urplötzlich schwillt der eben noch zahme Saxetenbach an. Eine Flutwelle läuft durch die enge Klamm. Auf den glitschigen Steinen finden die Wassersportler keinen Halt, keine Chance zum Ausstieg aus dem tosenden Bach - die steilen Wänden werden zur unüberwindbaren Hürde. 21 Menschen sterben. Der Grund für dieses Unglück sind heftige Niederschläge. Zwei Stunden bevor die Menschen sterben entlädt sich ein Gewitter am oberen Ende des Tals. Der steinige Gebirgsboden nimmt kein Wasser auf, so bleibt als einziger Ablauf der Saxetenbach, der dann zur tödlichen Falle wurde.
Es war ein Unfall - aber er hätte verhindert worden können. Dr. Willi Schmid ist Atmosphärenphysiker und ist von einer Sache überzeugt: Wettervorhersagen können auch anders lauten als "...im südlichen Raum, heiter bis wolkig mit schwachen bis starken Niederschlägen...". Das geht genauer - örtlich und zeitlich. Sein Ziel ist es, für einen beliebigen Ort für mehrere Stunden im Voraus sagen zu können, wie das Wetter wird. Dafür forscht Dr. Willi Schmid an der Eidgenossischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Sein wichtigstes Instrument für diese lokalen Kurzzeitwettervorhersagen steht auf dem Dach des Instituts, es ist das Wetterradar.
Das Radar schießt eine elektro-magnetische Welle in die Wolken. Die Welle wird an den Wassertröpfchen in der Atmosphäre gestreut. Es ist eine Art Reflexion. Für den Laien werden auf dem Radarschirm verschiedenfarbige Flächen dargestellt - doch für Willi Schmid sind die bunten Kleckse viel mehr. Er kann in ihnen lesen, wie in einem Buch. Er sieht Gewitterzellen, Gebiete mit ausgiebigen Landregen, Hagel- und Schneefälle. Mit seinem Radar kann er das Wettergeschehen im Umkreis von 150 Kilometer im Detail beobachten.
Vier Radars reichen für die ganze Schweiz. Doch für eine Wettervorhersage reicht es nicht aus nur zu schauen, wie das Wetter jetzt ist. Für eine Vorhersage muss Willi Schmid in die Zukunft schauen. Für den Schritt vor dem Wetter, blickt er in die Vergangenheit. Alle fünf Minuten macht das Radar ein Bild. So lässt sich beobachten wie eine Gewitterzelle sich unter Berücksichtigung von verschiedenen meteorologischen Parametern wie Wind, Luftfeuchtigkeit und Temperatur bewegt.
Aus diesen Daten extrapoliert Willi Schmid den Weg der Gewitterzelle und erhält eine Kurzzeitwettervorhersage. Bis zu drei Stunden ist die Vorhersage äußerst präzise - die verunglückten Canyonigteilnehmer von Saxeten hätten rechtzeitig gewarnt werden können und vielleicht überlebt.
Wer wissen will, wie das Wetter wird, der kann sich auf der Internetseite des Atmosphärenphysikers Dr. Willi Schmid von der ETH Zürich registrieren. Wettermeldungen und Warnungen kommen dann aufs Handy oder per E-Mail an den User. Schmids Kundenstamm wird immer größer. Da sind Straßenräumdienste, die bei Schneefallgefahr die Straßen schon frühzeitig salzen und damit viele Unfälle verhindern können. Flughäfen wollen wissen, ob sie mit Flugzeugvereisung zu rechnen haben. Und natürlich die Frage nach dem Regen, wegen des geplanten Grillfestes.
Mit Willi Schmids Methode berechnet auch die Deutsche Unwetterzentrale die Prognosen für starke Gewitter und Hagelstürme. Für die Hagelflieger aus Rosenheim eine wichtige Informationsquelle. Die Hagelflieger steigen mit ihren kleinen Motormaschinen bei Hagelgefahr auf und versuchen das Wetter mittels kleiner Salzkristalle, genauer mit Silberjodid, so zu verändern, dass es nicht hagelt sondern nur regnet.
Die Hagelflieger nennen das Prinzip "Wolkenimpfen". Kommt eine Hagelwarnung muss alles ganz schnell gehen: Die Maschinen heben ab und nehmen Kurs auf die Wolken. Kommen sie zu spät, können sie den Hagel nicht mehr verhindern. Knapp unterhalb der Wolkengrenze beginnen sie mit dem Impfen. Oft haben sie Erfolg und es fängt an zu regnen. Das ist dann auch immer ein Erfolg für die Kurzzeitwetterprognose von Willi Schmid.
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