"Verantwortung" könnte das Wort des Jahres werden. Oder vielmehr zum Unwort werden, weil für eine Manager-Elite der ethisch befrachtete Begriff ein Fremdwort zu sein scheint, das mit ihren Finanz-Exzessen und desaströsen Unternehmer-Strategien nicht in Einklang zu bringen ist. Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski diskutieren mit ihren Gästen Beatrice Weder di Mauro und Bodo Kirchhoff darüber, wer die Kosten der Krise zu übernehmen hat: die Verursacher oder die Allgemeinheit.
Finanzjongleure haben die Weltwirtschaft ins Taumeln gebracht und eine globale Krise ausgelöst. Angesichts der weltweiten Vernetzung wirtschaftlicher Systeme, die sich der Prüfung und der Übersicht zu entziehen scheinen, stellt sich die Frage: Wer trägt die Verantwortung und wer trägt das Risiko? Doch ist der Begriff der ethischen Verantwortung überhaupt noch anwendbar, ist er nicht restlos veraltet?
Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski versuchen mit ihren Gästen dem Betriebsgeheimnis des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems, des Systems der großen Boni und des verantwortungslosen Handelns auf die Spur zu kommen. Mit Beatrice Weder di Mauro und Bodo Kirchhoff stehen zwei kompetente Gesprächspartner bereit: Sie ist promovierte und habilitierte Wirtschaftswissenschaftlerin sowie eine der "Wirtschaftsweisen", er denkt in seinem jüngsten Roman "Erinnerungen an meinen Porsche" über die Verantwortung eines gescheiterten Bankers nach.
Tipp von Rüdiger Safranski:
Hans Jonas
Das Prinzip Verantwortung
Suhrkamp Verlag, 2005
ISBN 3518399926
Tipp von Peter Sloterdijk:
Martin Walser
Angstblüte
Rowohlt Verlag, 2006
ISBN 3498073575
Bücher der Gäste
Beatrice Weder di Mauro (Hrsg.)
Chancen des Wachstums
Campus Verlag, 2007
ISBN 359338499X
Bodo Kirchhoff
Erinnerungen an meinen Porsche
Hoffmann & Campe, 2009
ISBN 3455401848
Ein Wirtschafts- und Finanzsystem kann nur funktionieren, meinen Sloterdijk und Safranski, wenn jene, die an der Spitze stehen, die Spielregeln des Gemeinwesens einhalten, keine unverantwortlichen, nicht absehbaren Risiken eingehen. Sie müssten für ihr Tun nicht nur einstehen, sondern auch haften und nicht, wie in der gegenwärtigen Krise zu beobachten, die Kunst verfeinern, es nicht gewesen zu sein. Es wird auch die Frage zu klären sein, was es für das Gesellschaftssystem bedeutet, wenn Risiko und Verantwortung von den Verursachern nicht mehr übernommen werden müssen.

Denn offensichtlich hat sich die Auffassung durchsetzt, dass Unternehmen, sind sie nur groß und mächtig genug, nichts zu verlieren haben, wenn die Pleite droht - weil dann der Staat, um den Domino-Effekt einer neuen Pleitewelle zu verhindern, mit Auffangschirmen bereit steht. Nach der Devise, erst versagen und dann klagen, hängen sich nun immer mehr Banken und Unternehmen an den staatlichen Rettungsanker. Ihre Top-Manager stehlen sich, meist unter Mitnahme enormer Abfindungen, aus der Verantwortung.