Jan und Anke sind ein Paar. Doch Hunderte von Kilometern trennen sie. Wochenlang sind sie nur über Telefon, Computer oder Handy miteinander verbunden. Eine fragile Beziehung, die gepflegt werden will, meinen Paarforscher. Wem das gelingt, dem tun sich in der Fernbeziehung aber auch Chancen auf.
Wenn Anke die Münchner Reisemesse besucht, dann nicht, um sich nach einem möglichen Urlaubsziel umzuschauen. Für Anke ist die Messe eine langersehnte Gelegenheit, ihren Freund zu sehen. Denn Jan leitet eine Yachtschule auf Elba - und wirbt auf der Messe um Kunden. Anke wiederum arbeitet als Warenmanagerin in Düsseldorf. Im Urlaub haben die beiden sich auf einer Yacht kennen- und lieben gelernt. Seither versuchen sie, ihre Beziehung über die große Distanz hinweg aufrechtzuerhalten.
Zwei Jahre sind sie bereits zusammen. So manche Krise habe sie schon durchlebt, die sie an der Form ihrer Beziehung zweifeln ließ. "Nach einem Jahr haben wir uns gefragt, ob das überhaupt Sinn macht, ob das dauerhaft so funktionieren kann. Aber dann haben wir die Kurve ganz gut bekommen. Gott sei Dank!", erzählt Jan.
Ob freiwillig oder unfreiwillig - der Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung und die globalisierte Arbeitswelt reißen immer mehr Paare auseinander. Experten schätzen, dass jeder siebte deutsche Erwachsene in einer Fernbeziehung lebt. So viele wie noch nie zuvor. Ob die Trennung der Paare Tage währt, Wochen oder gar Monate - die Beziehung ist auf jeden Fall besonderen Belastungen ausgesetzt.
Der Diplom-Psychologe Joachim Lask weiß um die Risiken einer Fernbeziehung. Eifersucht, innere Distanz, Probleme beim Wiedersehen, der Zeitmangel und die finanzielle Belastung sind einige der Faktoren, die den Druck auf die Partnerschaft erhöhen. In seiner psychologischen Praxis erlebt Lask aber auch immer wieder, dass die Fernbeziehung durchaus Chancen bietet, in der Distanz die Nähe zu stärken. "Ganz wichtig ist, dass sich das Paar Freiräume schafft, um die Zweisamkeit bewusst zu erleben und zu genießen", erklärt Lask. "Intimitäten werden viel notwendiger organisiert. Liebesbriefe können ein Weg sein."
Wer fernab von seinem Partner lebt, übt sich zwangsläufig in der Kunst der vertraulichen Kommunikation. "Ein Fernbeziehungspaar muss es schaffen, sich trotz Distanz intensiv mitzuteilen über Befürchtungen und Erwartungen", sagt der Paarforscher und Theologe Peter Wendl. Moderne Technologie ist dabei durchaus hilfreich, etwa wenn der Fernbeziehungspartner beim Telefonat auf den Bildschirm erscheint. Doch es ist immer noch nicht das Gleiche, wie den Partner neben sich zu haben.

Peter Wendl, der seit Jahren zum Thema forscht, sieht in der Fernbeziehung bislang unerkannte Potenziale: "Die Kompetenzen, die darüber entscheiden, ob eine Beziehung auf Dauer Bestand hat, sind genau die Dimensionen, die in der Fernbeziehung errungen werden: Probleme miteinander lösen lernen, Gefühle mitteilen, Kommunikation im weitesten Sinne und intensives Partnerleben. Deswegen ist für mich eine Fernbeziehung ein intensives Trainingslager für die Liebe, aber auch für das Leben."
Anke und Jan wird noch einige Zeit fürs Training bleiben. Denn beide wollen sich erst einmal beruflich verwirklichen. Da ist für sie noch keine Alternative zur Fernbeziehung in Sicht. Also fliegt Jan nach dem Ende der Messe wieder nach Elba zurück, und Anke geht allein nach Hause. Doch ihre Chancen auf eine gemeinsame Zukunft stehen nicht schlecht. Laut aktuellen Studien halten Fernbeziehungen genauso gut wie andere Beziehungen.