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12. Februar 2012
 

Terra X

 
Computeranimation Tsunami-Welle am Vierwaldstätter See. Quelle: ZDF
Rekonstruktion der Zerstörung: Eine Tsunami-Welle rollt über den Vierwaldstätter See.

Wilder Planet: Das große Beben

Historische Beben in der Schweiz

Luzern und Basel von heftigen Erschütterungen heimgesucht

Das Beben von Roermond im April 1992 alarmierte endlich die Wissenschaftler. In ganz Europa begann man, nach Hinweisen auf frühere Erdbeben zu suchen. Dabei entdeckte ein Forscherteam eine Zone mit ganz bizarrer Erdbebenvergangenheit - heute sehr idyllisch am Fuße der Alpen gelegen.

 
 
 
 

Der Seismologe Flavio Anselmetti kam nach Luzern, um eines der ungewöhnlichsten geologischen Phänomene zu studieren, das je entdeckt wurde. Erste Hinweise lieferte der Archivar Peter Kamber aus Luzern, der das Tagebuch des Schreibers Renward Cysat entdeckt hatte. Das einzigartige Dokument liefert einen Bericht der Katastrophe im September 1601.

Vierwaldstätter See. Quelle: ZDF
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Erdbebenschauplatz Vierwaldstätter See

"Grauenerregender Anblick"

Cysat beschreibt, wie das Wasser sich zunächst vom Seeboden zurückzog - ein grauenerregender Anblick. Menschen liefen in das trockene Seebett, als plötzlich eine gigantische Welle heranrollte. Drei Tage lang bewegte sich die Woge ins Landesinnere. Zahllose Menschen ertranken in den Fluten. Heute sieht der Vierwaldstädter See friedlich aus, aber noch immer enthält er Indizien, die seine zerstörerische Vergangenheit beweisen. Er hat frühere Erdbeben registriert, deren Spuren sonst nur schwer zu finden wären.

 

Angeregt von Cysats Beschreibungen versucht Anselmetti herauszufinden, was genau vor 400 Jahren geschah. Der See war während der letzten Eiszeit entstanden und seit rund 15.000 Jahren lagern sich hier Sedimente ab. Hölzerne Piere markieren eine untergegangene Siedlung. Sie ist ungefähr 5000 Jahre alt. Mitten in der bebauten Fläche fällt plötzlich der Grund rapide ab. Doch so ein Kliff entsteht nicht nur aufgrund langsamer Bewegung. Ein ganz bestimmtes Ereignis schuf diese Klippen. Eine Katastrophe muss den Abhang zum Absturz gebracht haben.

 
Aufzeichnungen von Anselmetti. Quelle: ZDF
ZDF
Aufzeichnungen des Schreibers Cysat brachten Anselmetti auf die richtige Spur.
 

Berghohe Wellen

Sofort als die unmittelbare Lebensgefahr vorbei war, begann Cysat, mit einer genauen Bestandsaufnahme der Schäden. Er beschreibt, dass die Welle Boote "drei Gewehrschüsse weit" ins Inland geschleudert hatte. Schiffe waren sogar in den Bäumen hängen geblieben, andere wurden über die Piere hinweg geschleudert. Die Ufer waren gesäumt von toten Fischen. Der Schreiber lieferte erste wichtige Hinweise auf die Ursache des Tsunami. Seine Beobachtung, dass "unter Wasser Berge und Täler zerbrochen und in die Tiefe hinabgesunken waren", führten Anselmetti auf die richtige Spur. Insgesamt rekonstruierte der Forscher 13 Hangabstürze an verschiedenen Stellen des Sees. Immer wieder sorgten herabstürzende Schlammassen für berghohe Wellen von bis zu einem Kilometer Breite.

 

Der Seeboden hält aber noch weitere Hinweise für die Forscher bereit. Zunächst entnimmt das Team Bohrkerne aus dem Seegrund. Dazu versenken die Männer einen Metallbohrer von einer fest verankerten Plattform 275 Meter in die Tiefe. Das Ziel ist es, einen möglichst unversehrten Kern zu bergen. Nach ein paar Minuten holen sie eine Probe an die Oberfläche. Der zehn Meter lange Bohrkern erzählt die ereignisreiche Geschichte des Vierwaldstädter Sees. Je tiefer gebohrt wird, desto älter ist die Probe: Es ist wie eine Zeitreise in unsere ferne Vergangenheit. Die Streifen zeigen Ruhephasen, in denen sich die Sedimente ungestört ablagerten.

 
 
Sedimentschicht Vierwaldstätter See.
Eindeutige Zeichen: Bohrkern aus der Sedimentschicht vom Vierwaldstätter See

Infobox

Prof. Flavio Anselmetti, Geologisches Institut der ETH Zürich, über die Sedimente aus dem See:

"Schaut man sich die Schichtung weiter unten an, sieht man, dass die gleichmäßigen Ablagerungen auf einmal unterbrochen werden. Das Resultat heftiger Wasserbewegung - davon bin ich überzeugt. Das waren Tsunamis am Boden des Sees. Diese zwei Meter Sediment repräsentieren das Erdbeben von 1601. Weiter unten im Bohrkern ist eine Phase der Stabilität zu erkennen. Dann ein weiteres Beben - aus prähistorischer Zeit. Ich schätze, dieses Beben war etwa so stark wie das von 1601. Langsam bekommen wir einen Eindruck, wie oft solche Beben in dieser Region stattfinden."

 

Angst und Schrecken in Basel

Ein weiteres Beben in historischer Zeit traf die Stadt Basel. Am Morgen des 18. Oktober 1356 versetzte ein Erdstoß die Menschen in Angst und Schrecken. Viele hatten ihre Häuser verlassen, kamen jedoch bald zurück. Sie glaubten, das Schlimmste sei bereits vorbei. Doch dann, gegen sieben Uhr abends, gab es ein grollendes Geräusch. Die gesamte Stadt begann zu zittern. Gauben, Ziegel und Schornsteine fielen von den Dächern. Häuser stürzten ein. Für einige war es bereits zu spät, um erneut zu fliehen. Herdfeuer zerstoben und gerieten außer Kontrolle. Sie steckten die gesamte Stadt in Brand, die Feuer loderten eine ganze Woche.

 
Spielszene Flüchtlingslager nach Erdbeben in Basel. Quelle: ZDF
ZDF
Die vom Beben betroffenen Menschen versammelten sich vor den Toren der Stadt Basel.
 

Die Menschen von Basel glaubten, das Jüngste Gericht habe begonnen. Die Stadt war dem Boden gleichgemacht, Tausende heimatlos. Burgen und Kirchen im Radius von 150 Kilometern waren vernichtet. Insgesamt 28 schwere Erdbeben suchten die mittelalterliche Stadt innerhalb weniger Jahre heim. Das Beben von Basel gilt als die größte Erdbebenkatastrophe in der Geschichte Europas. Seine Stärke wird auf 6.9 geschätzt.
Wann das nächste große Beben in Basel stattfinden wird, ist die Frage, die den Leiter des Schweizerischen Seismologischen Dienstes, Domenico Giardini, beschäftigt. Geologische Ereignisse sind selten einzigartig, in der Regel gibt es ein Muster, sie kommen wieder. Man muss lernen, mit großen Katastrophen umzugehen.

 

Infobox

Prof. Domenico Giardini, Schweizerischer Erdbebendienst, über unsichere Häuser in Basel:

"In den historischen Häusern von Basel ist vieles aus Holz. Die Gassen sind sehr eng und sobald nur ein paar Häuser zusammenbrechen, ist eine Katastrophe sehr schwer zu stoppen, genau wie bei einem Brand. Etliche Gebäude stammen aus den 60er-Jahren, viele aus den 20ern und ein Großteil von ihnen wurde ohne Rücksicht auf seismische Gefährdungen errichtet. Wir wissen, dass viele keinerlei Standards genügen und dass sie einem Erdbeben nicht widerstehen könnten."

 

Weiche Sedimente als Risiko

Ein weiteres Risiko stellt der unsichere Grund unter Basel dar. Während nur ein winziger Teil der Stadt auf sicherem Fels ruht, ist der größte Teil im Wortsinn auf Sand gebaut. Man kann heutzutage simulieren, was passiert, wenn wieder ein Erdbeben geschehen würde. Die Kante des Rheingrabens teilt die Stadt in zwei Teile, der eine ist auf Sedimenten errichtet, der andere auf massiven Fels. Im Bereich der Sedimentschichten vibriert die Erde wesentlich länger, und das ist es, was die Schäden an den historischen Gebäuden verursachen würde."

 
 
 
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