Die Zahl der Leser steigt, hat Elke Heidenreich kürzlich in der Zeitung gesehen: 38 Prozent greifen einmal in der Woche zu einem Buch. "Die anderen 62 Prozent kriegen wir auch noch", verspricht Heidenreich. Ihren Gast André Heller braucht sie zum Lesen nicht mehr zu bekehren, weil er es sowieso jeden Tag stundenlang tut.
Auch wenn ein Buch im Kern ernst ist, kann es höchst unterhaltsam sein: "Man lacht die ganze Zeit", sagt Elke Heidenreich über "Mona" von Alexander Gorkow. Mona ist Rumänin und hat irgendwo ein umständliches Deutsch gelernt. Vielleicht rührt sie gerade deshalb das Herz des Münchners Blum, der geschäftlich in Bukarest ist, um seine Kühlkettensysteme an den Mann zu bringen.
Mona sagt so Sätze wie "Immer ist Feuer, und das Leben verbrennt. Und dann am Ende ist kaum mehr etwas übrig aus dem Lauf der Ströme, die wir nehmen, nein?" Für Blum geht in Rumänien so einiges schief, auch die Liebe mit Mona. Und so kommt es, dass er seinen Bericht, eben das Buch, aus einem Versteck zu uns schicken muss. "Aber so schön wie in diesem Buch ist lange nichts mehr schief gegangen", sagt Elke Heidenreich über Gorkows "Mona".
Nicht optimal läuft es auch in den 1960ern in der Londoner Fleet Street. In "Gegen Ende des Morgens" beschreibt Michael Frayn das legendäre Zeitungssterben dort zu jener Zeit. "Erst starben einzelne Zeitungen, dann ging das ganze Viertel kaputt", so Elke Heidenreich. Bei Frayn kann man sie alle noch mal erleben: "schnoddrige Journalisten, alte, eingefleischte Zeilenschinder, schicke, junge Journalisten, die unbedingt zum Fernsehen wollen." Das Buch ist schon 1967 erschienen, wurde aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt.
André Heller ist auf der ganzen Welt unterwegs und lebt in Wien, Italien und seit neuestem auch in Marokko. Im Flugzeug, auf dem Rücksitz eines Autos, da er nicht selbst fährt, und im Bett liest er stundenlang, erzählt Heller bei Elke Heidenreich. Ohne mindestens zwei Stunden gelesen zu haben, kann er gar nicht einschlafen, sagt er. In die Sendung hat er sein Lieblingsbuch seit Jugendtagen mitgebracht: "Radetzkymarsch" von Joseph Roth. Hellers Vater und Roth kannten sich, einen Brief des Autors verwahrt Heller zusammen mit einem Foto.
"Radetzkymarsch" ist ein Roman über den Auf- und Abstieg der Familie von Trotta, der parallel zum Niedergang der österreichischen Monarchie verläuft. Es ist ein Kriegsroman, nicht unbedingt Jugendliteratur, aber André Heller sagt: "Es war mein Karl May". Als Junge war er in vielen Internaten, darunter ein von Jesuiten geführtes, "das ich besonders schrecklich fand", so Heller. Nichts Privates war dort erlaubt, kein Familienfoto, kein Stofftier, aber Bücher.
"Das Buch konnte bei mir was, wofür ich heute noch sehr dankbar bin. Ich kann sehr schlecht weinen. Weinen ist großartig, denn es ist ein Aderlass der Seele. Das ist ein Buch, das mich immer wieder zum Weinen bringt", sagt André Heller und charakterisiert "Radetzkymarsch" als "Buch der Nuancen" und als "Raserei der Zwischentöne". Roth kann beschreiben und beobachten wie sonst kaum einer, ist ein Meister der deutschen Sprachkunst, findet Heller: "Es ist ein tiefes Leseglück, und es geht einem nach diesem Buch in jedem Fall besser als vorher."
Wer beim Lesen auch ganz gerne ein paar Bilder nicht nur vor dem geistigen Auge sondern auch auf dem Papier hat, der dürfte an "Reise um die Welt" von Georg Forster Freude haben. Der deutsche Autor aus dem 18. Jahrhundert reiste als Teenager um die Welt, weil er zusammen mit seinem Vater den Entdecker James Cook als Naturkundler und Ethnologe begleitete. Seine Beschreibung der dreijährigen Reise illustrierte Forster mit wunderbar detailgetreuen Zeichnungen von Pflanzen und Tieren.
"Aus Geldnot und Eile wurde das Buch damals ohne die Bilder veröffentlicht", berichtet Elke Heidenreich. Erst jetzt liegt es zum ersten Mal vollständig vor. Forster erkannte gleichzeitig bereits, was man den Völkern antut, wenn man sie "entdeckt" und erobert. Claude Levi-Strauss nahm diesen Gedanken 1955 in seinem Buch "Traurige Tropen" wieder auf. "Reisen Sie mit diesem Buch lesend um die Welt", empfiehlt Elke Heidenreich.
Die Stiftung Lesen hat zur Sendung "Lesen!" eine aufklappbare Broschüre herausgebracht, die Sie für 1,00 Euro in Briefmarken bei folgender Adresse bestellen können:
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In der nächsten Lesen!-Sendung am 7. Dezember zu Gast: Alice Schwarzer