Die Brautjungfer
Ein erotischer Psychothriller von Altmeister Claude Chabrol als Auftakt einer dreiteiligen Reihe mit aktuellen Filmen des Regisseurs. Philippe Tardieu verliebt sich Hals über Kopf in die Brautjungfer seiner Schwester Sophie. Doch der impulsiven Tagträumerin Senta Bellange ist der etwas biedere Handelsvertreter nicht gewachsen. Um Philippes Gefühle für sie zu testen, fordert sie ihn heraus. Er soll einen Mord aus Liebe begehen, und sie wird es ihm gleichtun...
Das Leben von Philippe Tardieu (Benoît Magimel) verläuft in geregelten Bahnen. Gemeinsam mit seinen beiden Schwestern Sophie (Solène Bouton), die bald heiraten wird, und Patricia (Anna Mihalcea), die mitten in der Pubertät steckt, lebt er noch bei seiner Mutter Christine (Aurore Clément). Bei Sophies Hochzeit lernt Philippe die Brautjungfer Senta Bellange (Laura Smet) kennen - und wenig später auch lieben. Nachdem Philippe die Hochzeit vorzeitig verlassen hatte, um sich zu Hause seiner Arbeit zu widmen, steht sie plötzlich vor seiner Tür.
Ihr ganzes Leben lang habe sie ihn gesucht und nun endlich gefunden: den Mann, mit dem sie fortan alles teilen will. Philippe weiß nicht so recht, wie ihm geschieht, folgt aber seinen Gefühlen und erliegt der ebenso lasziven wie impulsiven Senta. Und lässt sich, ohne es zu ahnen, auf eine Amour fou mit der jungen Frau ein, für die kein Gefühl und keine Handlung zu extrem ist, ihrer grenzenlosen Liebe Ausdruck zu verleihen. Denn wenn Senta liebt, dann mit Haut und Haar, bedingungslos und absolut. Was den gehemmten Handelsvertreter sichtlich überfordert, der, um ihren Ansprüchen genügen zu können, alles andere vernachlässigt.
An die exzentrischen Spielereien Sentas, die eigentlich Christine heißt, sich aber ständig andere Namen gibt, gewöhnt sich Philippe schnell. Auch daran, dass ihr gemeinsames Reich der Sinne ein von der Außenwelt abgeschiedenes und karges Kellerverlies ist. Selbst noch Sentas mystische Verklärung ihrer Liebe zu einer über dem Gesetz und jenseits der Moral stehenden lässt sich Philippe als Verrücktheit unter Verliebten gefallen. Bis sie ihm mit Trennung droht, sollte er nicht bereit sein, den ultimativen Beweis seiner Gefühle für sie zu erbringen und einen Mord aus Liebe zu begehen.
Diese Forderung führt zum Streit zwischen den beiden und zur Trennung. Und Philippe begeht einen folgenschweren Fehler. Der Zufall will es, dass die Presse von einem tot im Hafenbecken aufgefundenen Landstreicher berichtet, einem Mann, mit dem sich Senta ständig stritt, weil er widerrechtlich im Vorgarten ihres Hauses campierte. Um die Geliebte zurückzugewinnen, lügt er sie an und behauptet, den ihr verhassten Obdachlosen ermordet zu haben. Doch Philippe lässt außer Acht, dass Senta, im Gegensatz zu ihm, wirklich dazu bereit ist, für ihn einen Mord zu begehen...
Mit "Die Brautjungfer" (2004) gelang Altmeister Claude Chabrol in gewohnt gekonnter Manier ein eindringliches wie erotisches Psychogramm einer alles verzehrenden Liebe. Shootingstar Benoît Magimel ("Die Klavierspielerin") überzeugt in der Rolle des biederen Philippe durch sein präzises und geradezu minimalistisches Schauspiel. In vielen Momenten lassen die kleinen, eher beiläufigen Gesten und abwesenden Blicke Magimels die tiefe Verunsicherung eines Mannes erkennen, dem sein ansonsten so geordnetes Leben sukzessive zum Chaos der Gefühle wird.
Nicht minder beeindruckend ist das facettenreiche Spiel der Newcomerin Laura Smet, die ihre Rolle der wie von Sinnen Liebenden auf dem schmalen Grat zwischen verletzlicher Femme fragile und wahnsinniger Femme fatale ansiedelt. "Die Brautjungfer" (2004), Claude Chabrols 65. Film, bildet am 28. Mai 2007 den Auftakt einer dreiteiligen Reihe mit aktuellen Filmen des französischen Regisseurs im ZDF. Es folgen am 3. Juni 2007 "Die Blume des Bösen" (2003), wieder mit Benoît Magimel, und am 07. Juni 2007 "Süßes Gift" (2001) mit Chabrols Lieblingsdarstellerin Isabelle Huppert.
Claude Chabrol, 1930 in Paris als Sohn eines Apothekers geboren, gehört neben Jean-Luc Godard, François Truffaut, Eric Rohmer und Jacques Rivette zu den Mitbegründern der französischen Nouvelle Vague, einer Gruppe von Filmkritikern und späteren Regisseuren, die sich in den 1950er Jahren von den Produktionsbedingungen und der Ästhetik des zeitgenössischen Kinos zunächst in Texten und dann in ihren eigenen Filmen radikal distanzierten.
Glich Chabrols "Die Enttäuschten" (1957), der als erster Film der Nouvelle Vague gilt, noch einer Fingerübung, die weitestgehend unbeachtet blieb, so gelangen dem bekennenden Alfred Hitchcock- und Fritz Lang-Fan in den späten 1960er Jahren mit Filmen wie "Der Schlachter", "Die untreue Frau" und "Das Biest muß sterben" gleich drei unbestrittene Meisterwerke des Thriller-Genres. Diese Filme brachten ihm nicht nur Weltruhm ein, sondern auch den Ruf eines kühlen, distanzierten und akribischen Analysten der menschlichen Psyche und ihrer Abgründe. Auffallend häufig lotete Chabrol diese in - ihm wohl vertrauten - bourgeoisen Gefilden aus, die in seinen Filmen stets als dekadent skizziert sind, zerfressen von Gier, Neid und Eifersucht. Gefilde, in denen korrumpiert und gemordet wird, regungslos und ohne moralische Bedenken.