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21. November 2009
 

Fernsehfilm der Woche

 
montags, 20.15 Uhr
Szene aus "Neger, Neger Schornsteinfeger".
Aufmarsch der Nazis in Hamburg-Barmbek: Nicht für alle Bewohner des Viertels ein freudiges Ereignis.

Neger, Neger, Schornsteinfeger

Konfrontation mit der Vergangenheit

Interview mit Hans-Jürgen Massaquoi

Hans-Jürgen Massaquoi ist extra für einen Besuch der Dreharbeiten aus Florida nach Deutschland angereist. Noch heute erlebt der inzwischen 80-Jährige die Erinnerung an seine Vergangenheit im Nazi-Deutschland als sehr schmerzlich. Lesen Sie mehr zu seinen Eindrücken über die Verfilmung.

 
 
 
 

ZDF: Herr Massaquoi, Sie leben in den Vereinigten Staaten von Amerika, sind aber häufig in Deutschland zu Besuch - für einen Tag auch bei den Dreharbeiten zur Verfilmung Ihrer Autobiografie. War die direkte Konfrontation mit der Vergangenheit am Filmset eine sehr schmerzliche für Sie?

Zitat

„Einige dieser Erinnerungen, die in mir wach wurden, waren sehr schmerzlich - trotz der Zeit, die inzwischen verstrichen ist. “

Hans-Jürgen Massaquoi im Rückblick

Hans-Jürgen Massaquoi: Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, die finstere Vergangenheit hinter mir zu lassen und mich stattdessen mit der Gegenwart und der Zukunft zu befassen. Seitdem mich aber Freunde davon überzeugt hatten, meine Autobiografie zu schreiben, und als später dann entschieden war, dass sie verfilmt würde, war ich gezwungen, meine Kindheitserinnerungen auszugraben und mich wieder mit meiner Vergangenheit im Nazi-Deutschland zu konfrontieren. Einige dieser Erinnerungen, die in mir wach wurden, waren sehr schmerzlich - trotz der Zeit, die inzwischen verstrichen ist.

ZDF: Sie sind gebürtiger Hamburger und haben damals als Kind und Jugendlicher Unterstützung von Nachbarn und Freunden bekommen. Letztlich hat auch deren Verhalten Ihr Leben gerettet. Haben Sie jemals daran gedacht, wieder nach Hamburg zurückzukehren?

Hans-Jürgen Massaquoi . Quelle: ZDF/Wolfgang Lehmann
ZDF/Wolfgang Lehmann
Hans-Jürgen Massaquoi beim Dreh

Massaquoi: Ja, ich habe häufiger mit dem Gedanken gespielt, mir einen zweiten Wohnsitz in Hamburg zu suchen. Besonders wenn ich wieder einmal dort zu Besuch war. Die Stadt ist mir sehr vertraut - sie ist immerhin meine alte Heimatstadt. In meiner Fantasie sehe ich mich dann morgens oder abends an der Alster spazieren gehen. Inzwischen habe ich die Idee, mir in Hamburg eine Wohnung zu nehmen, deshalb wieder verworfen, weil ich nicht so weit entfernt von meinen Söhnen, die in Boston und Detroit wohnen, leben möchte.

ZDF: Was gab den Ausschlag, Markus Trebitsch die Filmrechte zu übergeben?

Massaquoi: Ich habe mich zunächst auf die Empfehlung meines langjährigen Freundes, des berühmten Autors Ralph Giordano, verlassen, dessen Autobiografie "Die Bertinis" von der Familie Trebitsch so erfolgreich verfilmt worden war. Ralph versicherte mir, dass ich in Markus Trebitschs Händen gut aufgehoben sei und nichts falsch machen könnte. Was mich dann letztlich aber überzeugte, war der Besuch des Produzenten bei mir in den Staaten, bei dem er mir klar machte, wie wichtig es ihm sei, mein Leben in Deutschland während der Nazi-Zeit zu verfilmen. Und wenn ich mir das wundervolle Resultat heute ansehe, dann weiß ich, dass er der richtige Mann dafür war.

 

ZDF: Sie werden von drei Schauspielern im Alter von sieben bis 17 Jahren dargestellt, da der Zweiteiler ja in drei Epochen spielt. Sehen Sie sich adäquat wiedergegeben?

Zitat

„Ich möchte ganz ausdrücklich dem gesamten Cast für die wundervolle Darstellung danken - allen voran Veronica Ferres, die meine Mutter auf eine sehr sensible und authentische Art verkörpert.“

Hans-Jürgen Massaquoi über die Darsteller

Massaquoi: Ich war außerordentlich erfreut über die Wahl der drei jungen Schauspieler Luka, Steve-Marvin und Thando. Ich vermute, dass

Bild aus "Neger, Neger Schornsteinfeger".
Bertha Baetz (Veronica Ferres) zusammen mit dem sechsjährigen Hans-Jürgen (Luka Kumi)

sie alle schon einmal in ihrem Leben ihre Erfahrung mit Rassismus gemacht haben, sodass es für sie kein Problem gewesen sein dürfte, für diesen Film die Identität eines Opfers des Rassismus anzunehmen. Ich möchte aber ganz ausdrücklich dem gesamten Cast für die wundervolle Darstellung danken, allen voran Veronica Ferres, die meine Mutter auf eine sehr sensible und authentische Art verkörpert.
ZDF: Ihre Autobiografie war bereits ein Bestseller auf dem deutschen Büchermarkt. Erhoffen Sie sich von der Verfilmung, noch mehr und vor allem jüngere Menschen zu erreichen?

Zitat

„Ich hoffe, dass sowohl mein Buch als auch der Film Menschen jeden Alters ins Bewusstsein ruft, dass Rassismus wie ein ansteckendes Virus ist, das ganz normale, anständige Menschen in den Wahnsinn treiben kann.“

Hans-Jürgen Massaquoi über Rassismus

Massaquoi: Ich hoffe, dass sowohl mein Buch als auch der Film Menschen jeden Alters einmal mehr ins Bewusstsein ruft, dass Rassismus wie ein ansteckendes Virus ist, das ganz normale, anständige Menschen in den Wahnsinn treiben kann.

Rassismus kann eine ganze Nation verseuchen, so wie es im Nazi-Deutschland geschehen ist. Und es ist wichtig, dass wir alle dazu angehalten werden, jede Form von Rassenhass im Kern zu ersticken.

In beiden Ländern, sowohl in Deutschland als auch in den USA, wurden große Fortschritte beim Kampf gegen den Rassismus gemacht. Beide Länder sind einen langen Weg gegangen, um sich vom Ruf als Ausrotter von Minderheiten zu distanzieren. Trotzdem ist alles nach lange nicht perfekt. Dr. Martin Luther King Junior teilte mit uns die Hoffnung, dass unsere Kinder eines Tages nicht mehr nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sondern nach ihrem Charakter. Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass dieser Traum sowohl in Deutschland als auch in den USA noch nicht erfüllt wurde.