Die neuen Ökos, Leute, die von Marketingstrategen gerne LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) genannt werden, setzen auf strategischen Konsum. Anstelle von Askese wollen sie mit ethisch korrekten Kaufentscheidungen genießend die Welt verbessern. Alt-Ökos unterstellen da gerne Ichbezogenheit und Politikträgheit.
Karim Teufel war einmal erfolgreich als Innenarchitekt tätig. Jetzt macht er Eis. 2007 hat er mit drei Kollegen eine Firma gegründet und stellt ein biozertifiziertes Ökoeis her. Ein Qualitätsexperiment, könnte man sagen, denn das Ziel ist die Erfüllung höchster Ansprüche: "Der Geschmack steht dabei an erster Stelle", sagt Karim Teufel, "aber zur Qualität gehört auch Nachhaltigkeit und das wollten wir an einem einfachen Produkt wie Eis einmal durchdeklinieren."
Deshalb ist auch unter anderem der Eislöffel kompostierbar und die gesamte Produktion atomstromfrei, selbst die Internetseite ist auf Green-Power-Servern, die auf Ökostrom basieren, gespeichert.

LOHAS, die Abkürzung von "Lifestyle of Health and Sustainability", ist der Begriff, mit dem Marketingstrategen das wachsende Interesse am "grünen" Lifestyle zu fassen versuchen. Das Ökoeis passt perfekt in dieses Konzept: Alle Zutaten aus kontrolliert biologischem Anbau, Milch, Sahne und Joghurt vom Bauernhof um die Ecke, und die exotischen Fruchtsorbets sind flugfruchtfrei (das heißt die Früchte wurden nicht mit dem Flugzeug transportiert). Ein Öko-Luxus-Produkt für den Konsumenten, der auf Qualität, Authentizität und gesunden Genuss wert legt.
Eike Wenzel, Chefredakteur des Zukunftsinstituts in Kelkheim, sieht mit LOHAS eine neue Ära aufziehen: "Die neuen Ökos sind keine grimmig dreinschauenden Weltverbesserer. Es ist ein zukunftsoffenes, lebensbejahendes Drittel unserer Gesellschaft, das in den nächsten Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach die Mehrheit unserer Gesellschaft ausmachen wird", heißt es in einer Studie des Instituts. Weltweit wird die Kaufkraft der LOHAS auf bis zu 500 Milliarden Dollar geschätzt.

"Bio und Öko für alle" lautet die neue Devise. Die Bio-Einkäufe in Supermärkten sind seit 2005 um bis zu 80 Prozent gestiegen. Die Nachfrage wächst und Discounter reagieren mit dem entsprechenden Angebot. LOHAS-Anhänger feiern das als Erfolg des strategischen Konsums, aber es gibt auch kritische Stimmen.
Unter dem Titel "Lohas - Mythos und Wirklichkeit" zeichnet eine Stratum-Studie im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ein anderes Bild der Neo-Ökos: Die Masse sei konservativ, naturromantisch, unpolitisch, harmoniebetont, ichbezogen, das Interesse an Nachhaltigkeit sei in Wirklichkeit gering: "Die LOHAS-affinen Milieus beschäftigen sich weniger mit dem, was Unternehmen im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung tatsächlich tun", lautet ein Fazit der Studie. Für Boykott-Kampagnen oder Protestkarten an Politiker ließen sich die LOHASianer demnach nicht mehr erwärmen.

Gerade die schöne neue Welt der LOHAS ist also besonders anfällig für Unternehmen und Konzerne, die vom neuen Trend profitieren wollen und sich mittels fragwürdiger Methoden ein Sauberimage verschaffen. "Da werden Zahlen verdreht und kleine ökologische Modellprojekte hochgejubelt, während das alte dreckige Kerngeschäft weiter läuft", schreibt Ulrich Müller von dem Verein "lobbycontrol" in Köln.
Vor allem Energieversorger und Ölkonzerne versuchen, sich ein grünes Image zu verschaffen, um den politischen Druck für schärfere Klimaschutzmaßnahmen zu reduzieren, stellt lobbycontrol fest. Und so wird auf LOHAS-Plattformen wie utopia.de mittlerweile auch heftig darüber diskutiert, wo die Zukunftsreise hingeht: Viele Utopisten kehren der Plattform sogar den Rücken, weil ihnen das ganze Szenario zu kommerziell ist und sie ahnen, dass auch utopia.de als Aktiengesellschaft letztlich einmal Geld verdienen will mit ihrem Idealismus.

Die Öko- oder Umweltbewegung mit ihren Anfängen in den 70er und 80er Jahren setzt vor allem auf politische Veränderung, bei LOHAS geht es in erster Linie um den Markt. "Wir bei 'Healthy Planet' kommen zu Bio nicht über die Ideologie, sondern über die Qualität", sagt Ökoeis-Hersteller Karim Teufel, "und mir macht es Freude, mit dem, was ich kaufe oder nutze, niemandem zu schaden. Das ist ein besseres Gefühl als zu wissen, dass dafür jemand Unsägliches tun muss."
Das gilt auch für sein Unternehmen, wobei Teufel und seine Kollegen selbst an Grenzen stoßen: Der Versuch zum Beispiel, unser Eis klimaneutral zu produzieren, scheitert daran, dass es kein Insitut gibt, das den Produktionsprozess vollständig analysiert und beispielsweise berechnet, ob Pfandgläser ökologisch besser sind als Einwegverpackungen. Aber Teufel ist überzeugt, dass die Nachfrage letztlich über kurz oder lang für das richtige Angebot sorgt: "Wir schaffen selbst die Nachfrage. Es ist ein Prozess, ein Weg, ein Pfad und das Ziel ist, die Nachhaltigkeit zu verbessern".