Mitten im Tempel des Apollon entsprang im Altertum eine Quelle. Ihr Wasser war angereichert mit Gasen, wie der Geologe glaubt. Für ihn liegt das Ausschlag gebende Indiz in der Nähe des Heiligtums: eine Gesteinsformation, wie sie auch für Tropfsteinhöhlen typisch ist.
Der Gesteinsformation in der Nähe des Apollontempels birgt ein Naturphänomen:
"Die Wand ist von einer relativ jungen Felsschicht bedeckt. Die gleiche, die man auch in Höhlen findet. Man kann hübsche kleine Stalaktiten sehen, die herunterhängen. Diese Steinart ist sehr porös. Man kann ein kleines Stück abbrechen und dann sieht man viele kleine Löcher. Wir haben Proben des Gesteins zerbröselt und analysiert, welche Gase in den kleinen Löchern eingeschlossen waren. Die Untersuchung ergab, dass zusammen mit dem Wasser Ethylen, Methan und Ethen an die Oberfläche gelangten."
Plutarchs Orakeldroge, an die niemand glauben wollte: Ethylen? Doch warum haben die französischen Ausgräber damals im Tempel keine Quelle entdeckt? Gab es dafür keine archäologischen Anhaltspunkte? Oder haben sie einfach etwas übersehen? Wahrscheinlich ist, dass die Experten einen fauchenden Erdspalt erwartet hatten. Die Ecole Francaise in Athen hütet noch ein Originalfoto aus der Zeit der Grabung im 19. Jahrhundert. Genau dort, wo das Allerheiligste liegen soll, gähnt ein tiefes Loch. Groß genug für den Austritt einer Quelle. Im schriftlichen Bericht jedoch wird die Fundstelle mit keinem Wort erwähnt.
Der Apollonpriester Plutarch ist offensichtlich doch ein glaubwürdiger Zeuge. Nimmt man seinen Bericht vom "prophetischen Hauch" ernst, finden plötzlich noch andere Rätsel eine Erklärung. So auch die merkwürdige Felsplatte, die einst waagrecht auf dem Boden der Orakelkammer lag: der so genannte Stein der Pythia.
Ein kleiner Omphalos - dargestellt auf einem antiken Relief - gab den Ausschlag für de Boer. Das inzwischen verschollene Original auf dem alten Foto war nach Ansicht des Forschers ebenfalls nur etwa vierzig Zentimeter hoch. Seiner Meinung nach gehören der kleine Omphalos und die Felsplatte zusammen.
"Die Löcher in der dreieckigen Form waren höchstwahrscheinlich die Verankerung für den Dreifuß, auf dem die Pythia saß. Dann gibt es eine sehr großen Durchlass, der sich nach unten erweitert. Vermutlich saß der kleine Omphalos auf diesem Loch und die Dämpfe, die aufstiegen, strömten durch den Omphalos in ihre Kammer."
Eine schlüssige These. Die berauschenden Dämpfe drangen durch das Loch des Kultsteins empor und verteilten sich im Raum. Der befremdliche Zustand der Seherin war also gewollt herbeigeführt.

Ihre Visionen, ihr unverständliches Stammeln hatten eine natürliche Ursache. Die Zauberdroge heißt Ethylen. Ein Kohlenstoffgas, das Pflanzen als Hormon produzieren. Entdeckt wurde es Ende des 19. Jahrhunderts in einem amerikanischen Treibhaus. Die Vorkommen bei Delphi stammen aus den organischen Ablagerungen des urzeitlichen Meeres.
Mediziner fanden schnell heraus: Die Naturdroge eignet sich hervorragend als Betäubungsmittel. Anfang des 20 Jahrhunderts gehörte Ethylen neben Äther und Lachgas zur Ausrüstung in vielen OPs. Steht ein Patient kurz vor der Vollnarkose sind die typischen Anzeichen: unterschiedliche Hirnaktivitäten und Erregung. Reaktionen, wie sie auch die Pythia gezeigt haben muss.
Plutarch schreibt: Ihre Ergriffenheit schlug bei einigen Sitzungen sogar um - in einen Horrortrip. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Anästhesieforschern aus Bonn. In seltenen Fällen traten bei ihren Versuchen mit Lachgas laute Ohrgeräusche auf - ein Klingeln und Pfeifen bis hin zur Unerträglichkeit. Die Testpersonen liefen weg - so wie die Priesterin laut der antiken Schilderung. Die Pythia war also high, wenn sie prophezeite. Die Existenz der Orakeldroge von Delphi scheint bewiesen. Für die internationale Fachwelt eine Sensation. Die Erkenntnis erklärt auch eine weitere, bisher unverständliche Besonderheit des Orakels: es blieb im Winter geschlossen.
"Im Winter gab es in den Bergen Eis und Schnee. Das wenige Wasser versickerte nicht so wie im Frühling. Wenn es weniger Wasser gibt, gibt es auch weniger Gas - und weniger Gelegenheiten für die Pythia zum Wahrsagen."
Dionysos, der Gott des Weines und der trunkenen Euphorie, übernahm in der kalten Jahreszeit vier Monate lang das Heiligtum. Seine Anhänger steigerten sich in wilde Raserei und tanzten - so berichten Quellen - zu aufpeitschender Musik in den Wäldern des Parnass.