In den ersten Apriltagen des Jahres 1254 erreicht Wilhelm von Rubruk die Stadt Karakorum am Orchonfluss. Dschingis Khan hatte 34 Jahre zuvor diesen Ort für den Bau seiner Hauptstadt bestimmt. Rubruks Beschreibung ist bis heute die wichtigste Quelle, eine Art Stadtplan, mit der Archäologen die Geschichte Karakorums erforschen.
Die einstige Hauptstadt des Weltreiches liegt längst unter dem Staub der Steppe begraben. Das heutige Khakhorin ist eine Ansammlung von Holzhütten.
Am Rande des Ortes, unterhalb des Gevierts eines buddhistischen Klosters sind aus der Luft die Umrisse der untergegangenen Stadt zu erkennen. Deutsche Wissenschaftler haben Luftbilder ausgewertet, mit modernstem Gerät vor Ort digitale Bodenprofile erstellt und Ausgrabungen durchgeführt.

Professor Hans-Georg Hüttel vom Deutschen Archäologischen Institut hat die Daten gesammelt und ausgewertet. Zusammen mit dem Modellbauer Bernd Kammermeier entsteht zum ersten Mal eine Rekonstruktion Karakorums im Modell: Ein weltweit einzigartiges Projekt. Wie sahen die Wohnhäuser und Straßen, die Regierungsgebäude und der berühmte Khan-Palast aus? Es gibt kein Vorbild, woran die Experten sich orientieren könnten, denn die Gründung einer Stadt durch Nomaden ist ein einzigartiger Vorgang. Nach drei Monaten Arbeit stehen sie vor einem Abbild dessen, was Rubruk vor mehr als 750 Jahren beschrieben hat.
Das Modell gibt uns eine Vorstellung wie Karakorum um 1254 ausgesehen haben mag. Mit dem Palastbezirk, einer Stadt in der Stadt sozusagen, im Südwesten. Dann, in die Mitte der Stadt zu, das große Viertel der Chinesen und Handwerker, von dem Rubruk auch spricht. Ein weiteres Viertel, von dem er spricht, das Viertel der Muselmanen, das sich wohl nach Norden angeschlossen hat. Denn wir erfahren, dass Rubruk einmal durch die ganze Stadt gegangen ist, bis zum äußersten Ende der Stadt, wo sich die christliche Kirche befindet. Und dazu musste er durch das Muslimenviertel schreiten, mit der Standarte, mit dem Kreuz in der Hand, wie er es beschreibt. Die christliche Kirche, hier am äußersten Ende der Stadt, im Norden.
Rubruk schreibt: "Nicht weit von der Stadtmauer von Karakorum entfernt, besitzt Mönke Khan einen großen Palast, der wie bei uns die Mönchsklöster von einer Ziegelmauer umgeben ist."
In Karakorum hatte Rubruk Wilhelm von Buchier getroffen, ein Kunstschmied, der beim Überfall auf Ungarn verschleppt wurde. Als Rubruk zu einer Audienz Mönke Khans in den Palast gerufen wird, sieht er mit eigenen Augen das Meisterwerk, das Buchier für den Khan angefertigt hatte: einen vier Meter hohen Baum aus purem Silber.
"Weil es am Eingang des Palastes keinen guten Eindruck macht, wenn man da die Schläuche mit Milch und anderen Getränken herumtrug, errichtete Meister Wilhelm aus Paris einen großen Baum aus Silber, zu dessen Wurzeln vier Löwen aus Silber liegen. Aus ihm fließt Wein, vergorene Stutenmilch, ein Honiggetränk, und ein aus Reis gewonnener Wein. Außerhalb des Palastes befindet sich ein Vorratsraum, wo die Getränke aufbewahrt werden. Am Nordende sitzt auf einem erhöhten Platz der Khan, so dass er von allen gesehen werden kann. Zu ihm führen drei Treppen hinauf. Der Khan sitzt oben gleich einem Gott."