Die Doping-Substanz EPO ist offenbar von weit mehr Radprofis benutzt worden als bislang bekannt. "EPO war Mitte der 90-er Jahre die Wunderdroge. Da ist jeder auf den Zug aufgesprungen - jeder, nach meiner Auffassung", sagte der sportliche Leiter des Radsport-Teams T-Mobile, Rolf Aldag, am Donnerstag in der ZDF-Sendung "Maybrit ILLNER". Doping sei ein sehr "intimes, geschlossenes System"


Jeder wisse, dass es nicht richtig sei und tue es trotzdem, sagte der frühere Radprofi, der sich am selben Tag gemeinsam mit Radsportler Erik Zabel öffentlich selbst des Dopings bezichtigt hatte. Der Radsport brauche jetzt Hilfe, um mit dem Problem fertig zu werden. "Ich gehe nicht davon aus, dass der Radsport von 2002 bis 2006 sauber war, und ich gehe ganz sicher nicht davon aus, dass der Radsport 2007 sauber ist", betonte Aldag.
Auf Vertrauen bei der Aufklärung des Dopingsumpfes setzt der frühere Zehnkämpfer und Antidoping-Vertrauensmann des Deutschen Olympischen Sportbundes, Frank Busemann. Er hoffe, dass nach den Enthüllungen vom Donnerstag "der eine oder andere noch den Mumm in den Knochen hat", den Outing-Weg über den Vertrauensmann zu gehen. Wer lange im Dopingsumpf stecke, komme da nicht von heute auf morgen raus. "Was wir heute bei Erik (Zabel - die Red.) erlebt haben, nur eine Woche, das ist schon sehr außergewöhnlich und schwer zu glauben", sagte Busemann. Zabel hatte am selben Tag zugegeben, 1996 für eine Woche EPO benutzt zu haben.


Von den Sportverbänden unabhängige Wettkampf-Dopingkontrollen forderte der Dopingforscher Wilhelm Schänzer (Deutsche Sporthochschule Köln) . Die Kontrollen müssten künftig in der Hand der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) liegen, sagte Schänzer bei Maybrit Illner. Die NADA müsse festlegen, "in welchen Verbänden kontrolliert wird und zu welchen Zeiten kontrolliert wird". Allerdings sei die NADA derzeit erheblich "unterfinanziert".
Mehr Geld für die Anti-Doping-Agentur forderte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper. "Wir müssen die NADA besser ausstatten finanziell", so Vesper. Zudem müsse das geplante Anti-Doping-Gesetz "jetzt sehr schnell verabschiedet werden". Die dort verankerten Grundsätze zur Strafbarkeit von Doping könnten zu einem "Riesenfortschritt" im Kampf gegen die Verwendung verbotener Substanzen im Sport führen, betonte der DOSB-Funktionär.

Die Korruptionsexpertin Britta Bannenberg zweifelte an, dass allein mit der Ausweitung der Kontrollen dem Dopingproblem Herr zu werden sei. Die Ermittlungen und Strafverfolgung müsste sich auch auf das Umfeld der Sportler ausweiten, forderte sie und fügte hinzu: "Es geht darum, durch Strafrecht auch Aufklärung auf der Parallelebene zu den Kontrollensystemen letztlich zu erhöhen. Durch diese Aufklärung diese Systeme aufzudecken die hinter ihnen stehen, den Sportlern. Das schafft man nur mit bestimmten strafprozessualen Maßnahmen." Man dürfe nicht "verharren in einer bloßen Verschärfung des Arzneimittelgesetzes", so Bannenberg.

ARD und ZDF werden ungeachtet des Dopingskandals im Radsport weiter im gewohnten Umfang von der Tour de France berichten. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz wies Forderungen zurück, wonach die öffentlich-rechtlichen Sender in der Berichterstattung über große Radsportereignisse eine Weile pausieren sollten. ARD und ZDF hätten nach der letzten Tour de France angekündigt, aus der Berichterstattung auszusteigen, falls sich im Radsport nichts ändere. Jetzt sei der Knall eingetreten, den man erhofft habe. Der "Selbstreinigungsprozess" sei in Gang gekommen. "Dass wir in diesem Augenblicken sagen, jetzt steigen wir aus, wäre nicht korrekt. Das wäre inkonsequent", sagte Gruschwitz.
Der ZDF-Sportchef räumte zugleich ein, dass sich in der Berichterstattung über den Radsport "etwas ändern muss". Doping sei bislang nicht offensiv angesprochen worden. Vielmehr hätten die Sender nur reagiert. Zum Radsport habe "die Distanz gefehlt", sagte Gruschwitz.