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12. Februar 2012
 

ZDFinfo

 
Familie Boggs. Quelle: ZDF
Die Zukunft der Boggs ist ungewiss.

Naturkatastrophe im Golf von Mexiko

Tragödie Ölpest

US-Familien kämpfen mit den Folgen

Nach 61 Tagen hat das Öl die Strände von Alabama erreicht. Was bedeutet die Katastrophe für einen kleinen Ferienort an der amerikanischen Golfküste? Wie verändert sich das Leben der Menschen, deren Existenz vom Meer abhängt?

 
 
 
 

Es ist dunkel, als wir unser Motel nach 16 Stunden Flug erreichen. Es liegt direkt am Strand. Wir hören die Brandung. Wenn da nur nicht der Dieselgeruch wäre. Riecht man das Öl schon hier? Doch es sind nur die Abgase von Generatoren. Gleißendes Flutlicht taucht den Strand in blendendes Licht. Die Aufräumteams arbeiten Tag und Nacht. Erkennen können wir nichts. Als wir uns nähern, werden wir freundlich, aber bestimmt von einem Wachmann weggeschickt.

 

Jetzt ist alles anders

Am nächsten Morgen treffen wir Randy Boggs, 45. Er besitzt fünf Charterboote, die er an Sportfischer vermietet, und eine kleine Marina. Seine Frau, Susan, arbeitet bei einer Hausverwaltung. Die fünfjährige Tochter Elisabeth, begeisterte Anglerin, verbringt ihre Tage im Kindergarten.

 
Nächtliche Säuberungsaktion. Quelle: ZDF
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Nächtliche Säuberungsaktionen sind nicht ungewöhnlich.

Randys Leben und das seiner Familie hat sich am 21. April schlagartig völlig verändert. Bis dahin lebte der ehemalige Krankenpfleger seinen Traum: Fischen, zur See fahren, ein Boot besitzen. - Dann kam die Katastrophe nach Orange Beach. Fast jeder der rund 6000 Einwohner lebt mehr oder weniger direkt vom Meer. Wer nicht Fischer ist, arbeitet im Tourismus. Jeder Laden im Ort, jedes Restaurant, ist auf das Geld der Urlauber angewiesen.

 

Das Geld wird knapp

Innerhalb weniger Tage war das Glück vorbei. Dabei sollte 2010 wieder ein gutes Jahr werden. Jetzt bleiben die Touristen weg. Umsatzeinbußen von bis zu 90 Prozent lassen die Menschen verzweifeln. Die Fischerei ist verboten. BP versucht, das durch Ausgleichszahlungen und ein Beschäftigungsprogramm aufzufangen. Doch ehe die Schadensersatzanforderungen geprüft sind, werden viele nicht mehr ihre Rechnungen zahlen können, werden viele ihre Jobs verlieren.

 

Randy bezahlt seine 17 Angestellten bisher aus eigener Tasche, aber lange hält er das nicht mehr durch. Er hat die Ausbildungsversicherung seiner Tochter aufgelöst, um die laufenden Kosten wie Gehälter zu decken. Geld bekommt er jetzt nur von BP im Rahmen des Beschäftigungsprogramms. So wie alle anderen auch.

 

Keiner wehrt sich

Die örtlichen Fischerboote werden zur Ölbekämpfung eingesetzt. Randy bekommt für sein Boot 3.400 Dollar am Tag. Das hört sich viel an, ist aber im Vergleich zum Normalbetrieb viel zu wenig. In den Sommermonaten verdient Captain Randy, wie ihn hier alle nennen, mit seinen Chartertouren und Booten pro Tag über 10.000 Dollar. Das muss dann aber auch für den Winter reichen. Und was ist, wenn BP die Verträge kündigt? Was machen dann die Hilfskräfte, die Tag und Nacht die Strände säubern und dafür bis zu 30,- Dollar die Stunde bekommen?

 
Arbeiter am Golf von Mexiko. Quelle: imago
imago
Arbeiter versuchen, die verseuchten Strände zu retten.

Mit dem Geld - 100 Millionen Dollar pro Tag - beschäftigt BP nicht nur die Menschen vor Ort, sondern erkauft sich auch ihr Schweigen. Viele wollen nicht mit uns reden, haben Angst, ihren Job zu verlieren. Proteste, wie sie bei uns zu erwarten wären, gibt es nicht. Jeder, der ein Boot hat, versucht, in das lukrative Bekämpfungsprogramm zu kommen.

 

Es wird lange dauern

Widerspruchslos werden auch die hilflosen Bemühungen hingenommen, das Öl in den Griff zu bekommen. Die Arbeitstrupps am Strand rücken mit Schaufeln an, sieben mit Netzen den Sand und legen Löschpapier aus, um das Öl aufzusaugen. Die meisten wissen kaum, was sie tun sollen. Es wirkt wie das letzte Aufgebot.

 

Viele sagen uns, dass sie einen Sommer durchhalten werden - irgendwie. Aber im nächsten Jahr müssten die Touristen wieder kommen, das Fischereiverbot wieder aufgehoben werden. Ein Traum! Die Umweltbeauftragte von Orange Beach dagegen rechnet damit, dass das Fangverbot mehrere Jahre andauern wird. BP geht davon aus, bis zu zehn Jahre vor Ort bleiben zu müssen. - Das haben die Menschen von Orange Beach noch nicht realisiert.

 

Alternativen sind nicht in Sicht

BP musste bis jetzt 2,65 Milliarden Dollar für Entschädigungen und Bekämpfungsmaßnahmen ausgegeben. Und das ist erst der Anfang. Die ökologischen Schäden und sozialen Verwerfungen kommen erst noch. Wie lange kann der Konzern das aushalten? Wann muss und wird der Staat eingreifen? Letzteres wünschen sich viele hier.

Schildkröte im Sand. Quelle: reuters
reuters
Zahlreiche Tiere sind vom Öl bedroht.

Randy Boggs mag bisher noch nicht mit dem Gedanken spielen, dass sein Leben in Orange Beach zu Ende sein könnte. Was sollte er auch tun? Wieder als Krankenpfleger arbeiten? Vielleicht ist das die einzige Alternative. Dem willensstarken, kämpferischen Mann kommen die Tränen, wenn er daran denkt, das seiner Tochter erklären zu müssen. Aber der Tag rückt näher. Was ist ein Fischer ohne sein Boot, ohne das Meer?, fragt er uns. Ein Freund hat sich bereits erschossen. Es soll mehrere Selbstmorde entlang der Küste gegeben haben.

 

Nun drohen die Wirbelstürme

Orange Beach kann zur Geisterstadt werden, wenn die schlimmsten Befürchtungen eintreffen. Eigentlich müssten wir nächstes Jahr wiederkommen und schauen, ob die Menschen, die wir getroffen haben, die Katastrophe überlebt haben. Ob ihr Kampf vielleicht doch Erfolg gehabt hat.

 

Wir verlassen nach fünf Tagen den kleinen Ort. Riesige Wolken türmen sich auf. Der Wind hat zugenommen. Die Hurrikan-Saison lauert am Horizont. Meterologen sagen bis zu 23 Stürme voraus. Der erste, Alex, nimmt zum Glück Kurs auf Mexiko. Der nächste könnte Orange Beach treffen.

 
 
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