Keiner ist mehr vor ihnen sicher: Immer mehr so genannte Leser-Reporter der Bild-Zeitung machen Jagd auf Schnappschüsse. Nicht nur Prominente in allen Lebenslagen, auch Bilder von Unfallopfern erscheinen so in der Zeitung oder im Internet - meist ohne die Zustimmung der Abgelichteten. Polizei und Journalisten-Organisationen halten diese Entwicklung für gefährlich.
Die Bild-Zeitung ruft ihre Leser seit Wochen zum Draufhalten der Kameras auf. "Genau hinschauen und auf den Auslöser drücken!", heißt es im Internet-Auftritt der Zeitung. Auch wird behauptet: "Bild-Leser-Reporter werden immer besser!" Sie würden bewegende Eindrücke festhalten. "Aber auch behördliche Schlampereien, Unfälle, Dramen."
Der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch befürchtet dagegen, dass die Laien-Paparazzi die "Kultur des Zusammenlebens" beeinträchtigen. "Das schadet nach meiner Überzeugung nicht nur dem Ansehen des Journalismus, sondern es behindert Rettungsdienste, es behindert die Polizei bei der Arbeit; es fördert die Sensationslust", sagt er gegenüber dem ZDF-Magazin Frontal21. "Wir sollten dafür sorgen, dass die Hilfsbereitschaft gefördert wird in solchen Situationen und wer nicht helfen kann, der sollte sich von Unglücksstellen fernhalten."
Dabei geht es für die "Leser-Reporter" nicht nur um ihre Neugierde, sondern auch ums Geld. 500 Euro erhalten sie als "Abschussprämie", wenn ein Foto in der Zeitung gedruckt wird. Schnell verdientes Geld könnte man meinen - allerdings nicht ganz ohne Risiko. Wenn ein Bild ohne Einwilligung des Abgebildeten gedruckt wird, können sich Fotograf und verantwortlicher Redakteur unter Umständen strafbar machen. Eine Tatsache, die möglicherweise nicht allen Volkspaparazzi bewusst ist.
Wichtige Zielobjekte - neben den normalen Menschen in peinlichen, misslichen oder tragischen Situationen - sind auch Prominente. Fußball-Nationalspieler David Odonkor wurde kürzlich angeblich beim Urinieren am Straßenrand "ertappt", sein Kollege Lukas Podolski war in Shorts und Muskelhemd auf Mallorca zu sehen. Beide forderten eine Unterlassungserklärung der Bild-Zeitung.
"Wir haben sie alle!" behauptet die Zeitung in ihrem Online-Auftritt. Gemeint ist etwa: Dieter Bohlen beißt auf Mallorca in ein Riesensandwich oder Top-Model Eva Padberg schwitzt beim Singen. Nichts scheint zu belanglos oder intim zu sein, um abgelichtet zu werden. Die Promis sind damit der Komplett-Überwachung in einer ganz neuen Dimension ausgeliefert. Sie können praktisch keinen Schritt mehr in der Öffentlichkeit machen, ohne mit abschussbereiten "Leser-Reportern" rechnen zu müssen.
Besonders berichtenswert scheinen der Bild-Zeitung auch Missgeschicke der Polizei zu sein. Im Internet heißt es dazu: "Polizisten sind auch nicht unfehlbar: Sie bauen Unfälle, dass es nur so kracht, tanken Benzin in einen TDI, werden im Halteverbot abgeschleppt und so manches mehr." Den "Leser-Reportern" entgehe nichts. Dem Effekt zuliebe können dabei jedoch auch mal entscheidende Informationen fehlen. "Der gedankenlose Motorradpolizist mit dem helmlosen Kind - auch hier war ein Leser-Reporter zur Stelle", heißt es etwa bei Bild.de. Die Polizei behauptet gegenüber Frontal21 allerdings, dass das Bild in einem abgesperrten Stadiongelände anlässlich einer Motorradwallfahrt entstand. Davon wird bei Bild.de nichts erwähnt.
Das Vorhaben der Bild-Zeitung, die Volkspaparazzi in Zukunft sogar mit eigenen Presseausweisen auszustatten, rief nun verstärkten Protest des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) hervor. "Die Amateurjournalisten und -fotografen bringen auf Dauer den Berufsstand der Journalisten in Misskredit", kritisiert der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken.