Firmenpleiten, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit. Gerade jetzt in der Wirtschaftskrise wagen viele Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Je schlechter es der Wirtschaft gehe, desto mehr Firmen würden gegründet, sagt Sonja Trispel von der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt. Doch die Startbedingungen für Existenzgründer in Krisenzeiten seien nicht gerade ideal.
ZDFonline: Warum steigt gerade jetzt die Zahl der Unternehmensgründungen?
Sonja Trispel: In Krisenzeiten steigt die Zahl der Arbeitslosen und die Angst davor, arbeitslos zu werden. Deshalb sehen sich viele nach Alternativen um. Wir bekommen zum Beispiel häufig Anfragen von Menschen, die im Augenblick kurzarbeiten. Diese Personen können sich nicht sicher sein, dass sie ihren Job behalten. Für sie scheint Selbständigkeit eine gute Alternative zu sein. Dabei gibt es ein Problem: Viele gründen ihre Firma sehr kurzfristig. In guten Zeiten machen sich dagegen meist nur Menschen selbständig, die schon länger damit geliebäugelt haben.
ZDFonline: Überlegen sich Existenzgründer in wirtschaftlich schlechten Zeiten also weniger gründlich, ob ihre Geschäftsidee funktioniert?
Trispel: Existenzgründungen in der Krise gelten häufig als "Notgründungen". Natürlich gibt es auch in Krisenzeiten viele, die sich diesen Schritt genau überlegen und ein durchdachtes Unternehmenskonzept vorlegen. Doch leider gibt es auch Fälle, bei denen die Planung zu kurz kommt. Gerade in Krisenzeiten sollte man sich aber gut überlegen, ob man in die Selbständigkeit wechseln will: Kann die Geschäftsidee funktionieren, lässt sich das Unternehmen finanzieren?
ZDFonline: Ist es schwieriger in Krisenzeiten zu gründen, zum Beispiel weil die Banken weniger Kredite vergeben?
Trispel:Es ist bestimmt schwieriger, ein Unternehmen während der Krise zu gründen. Die Banken werden - genau wie die Beratungsstellen - mit sehr vielen Anfragen konfrontiert. Viele Konzepte sind nicht hinreichend durchdacht und werden deswegen nicht finanziert. Die Erfahrung zeigt aber, dass gute Konzepte auch in Krisenzeiten unterstützt werden.
ZDFonline: Welche finanzielle Unterstützung bietet der Staat?
Trispel: In der Anlaufphase gibt es zum Beispiel den Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit oder ein Einstiegsgeld von der ARGE und den Kommunen. Förderbanken des Bundes und der Länder bieten zahlreiche Gründungskredite an. Damit können die Startinvestitionen und die laufenden Kosten der Anlaufphase über ein günstiges Darlehen finanziert werden.
ZDFonline: Was sind die wichtigsten Schritte in die Selbstständigkeit?

Trispel: Am besten, man besucht spezielle Gründerveranstaltungen oder -seminare. So erhält man allgemeine Infos über die Chancen und Risiken einer Selbstständigkeit und über die Inhalte eines Unternehmenskonzepts. Bei den weiteren Planungen sollte man sich zunächst mit dem Markt auseinandersetzen und recherchieren, ob überhaupt Bedarf für das geplante Leistungsangebot vorhanden ist. Wichtig ist ein Alleinstellungsmerkmal: Es bringt nichts, das zehnte Geschäft einer bestimmten Sorte zu sein, wenn das Angebot genau identisch mit dem der neun Konkurrenten ist.
ZDFonline: Wo liegen bürokratische Schwierigkeiten beim Gang in die Selbstständigkeit?
Trispel: Man sollte sich vorher genau informieren, ob im zukünftigen Geschäftsfeld bestimmte Zulassungsvoraussetzungen existieren, zum Beispiel ein Meisterbrief. Besonders wichtig ist natürlich auch, sich über die Finanzierung klar zu werden: Ohne ein gewisses Maß an Eigenkapital und Sicherheiten wird ein Gründer schwerlich eine Bank überzeugen können.
ZDFonline: Was sind die größten Probleme, an denen Firmengründer scheitern?
Trispel: Ich stelle immer wieder fest, dass die Gründer den Markt aus den Augen verlieren. Bei der Suche nach einer zündenden Geschäftsidee gehen viele häufig nur von ihren eigenen Fähigkeiten und Qualifikationen aus oder machen ihr Hobby zum Beruf. Zudem haben auch viele Existenzgründer keine Unternehmerpersönlichkeit. Akquise und Verkaufsgespräche sind nicht jedermanns Sache. Ein anderes Problem sind die Finanzen: Oft scheitern Neugründer an Finanzierungsengpässen, wenn sich etwa die Anlaufphase nicht so positiv entwickelt hat, wie geplant. Nachträglich gestaltet es sich aber meist schwierig, eine Bank zu finden, die derartige Engpässe überbrücken will.