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11. Februar 2012
 

Unsere Geschichte

 
Werner Gottsmann: Selbstportrait.
Werner Gottsmann: Selbstporträt

Zuschauer-Bericht

Silvester 1989: Tausche Sekt
gegen Berliner Pfannkuchen

Westdeutscher Conrads lernt DDR-Künstler Gottsmann kennen

von Zuschauer Herbert Conrads

Silvester 1989 am Brandenburger Tor: Menschen aus Ost und West liegen sich in den Armen. Darunter sind auch Maria und Herbert Conrads aus dem westfälischen Gronau sowie das Ost-Berliner Künstlerehepaar Dora und Werner Gottsmann. Das zufällige Treffen entwickelt sich zu einer nachhaltigen Freundschaft, in deren Verlauf Werner Gottsmann zu einem der ersten DDR-Künstler wird, die im Westen ihre Werke ausstellen. Erinnerungen von Herbert Conrads.

 
 
 
Herbert Conrads.
Herbert Conrads

Wir wollten mit unserer Tochter Anja, die in West-Berlin studierte, am Brandenburger Tor Silvester feiern. Um 23 Uhr, mit zwei Flaschen Krimsekt und Pappbechern, machten wir uns in einem halbstündigen Fußmarsch auf zum nächsten Grenzübergang in Richtung Berlin-Teltow.

Mauerbrocken mit Stempel

Der kleine Grenzübergang lag in grellgelbem Scheinwerferlicht von zwei links und rechts neben einem breiten Mauerloch stehenden Wachtürmen. Grenzsoldaten, in Uniform und mit Kalaschnikow bewaffnet, kontrollierten Ausweise und ließen Ostberliner Fußgänger nach Westen und Westberliner Fußgänger in den Osten. Schwere Brocken der eingerissenen Mauer lagen herum und meine Frau ließ sich von einem wohlwollenden Vopo einen mittelschweren Vorschlaghammer geben und schlug als Andenken ein Stück Mauerbrocken ab.

 

Es war eine unwirklich scheinende Szene: Der über den Kopf der zarten Frau gehobene Hammer im grellen Licht der Scheinwerfer gegen das Dunkel des Nachthimmels. Auf den handgroßen Mauerbrocken drückte der Soldat auf Bitten sogar einen Ausweisstempel mit dem Datum des 31.12.1989.

 

Tausch: Pfannkuchen gegen Sekt

 

Dann gingen wir in Richtung einer kleinen frierenden Menschengruppe, die sich um eine Blechtonne versammelt hatte, in der ein Feuer loderte. Es waren nur zirka 100 Meter auf DDR-Gebiet, weiter trauten wir uns nicht. Eine gespannte Stille lag in der Luft, unterbrochen nur vom Krachen der Böller, das sich langsam steigerte, weil es auf den Jahreswechsel zuging. In der Gruppe beäugte man sich scheu und flüsterte sich dann und wann etwas zu.

 

Kurz vor Mitternacht packte ein Pärchen aus einem Beutel mitgebrachte Pfannkuchen aus. Wie sich etwas später herausstellte war es das Künstlerehepaar Gottsmann. Ich ging auf die beiden zu und schlug vor, je einen Pfannkuchen gegen ein Glas Krimsekt zu tauschen. Und so kam es, dass um Mitternacht, als die Hölle durch die Raketen und Böller plötzlich um uns herum losbrach, wir drei Wessis mit den zwei Ossis auf das Neue Jahr anstießen und den Mauerfall feierten.

 

DDR-Künstler lädt nach Hause ein

 

Das Ehepaar Gottsmann lud uns zu einem Umtrunk ein, da sie in der Nähe wohnten. Bis etwa vier Uhr lernten wir uns kennen, mieden politische Themen. Ich erfuhr, dass Herr Gottsmann selbstständiger Maler und Grafiker war, neben einer Lehrtätigkeit an der der Akademie der Bildenden Künste in Ostberlin. Wir tauschten die Adressen aus.

 

Vielleicht hätte man sich aber nicht wieder gesehen, wenn ich nicht im Januar 1990 zufällig von einer Künstlerbörse in meiner Heimat erfahren hätte. Ich organisierte eine Einladung für Werner Gottsmann, der auch zusagte und vom 2. bis 4. März 1990 in unserer Kreisstadt Borken ausstellte - meines Wissens war das die erste Teilnahme eines DDR-Künstlers an einer Ausstellung im Westen nach dem Mauerfall.

Werner Gottmanns: Filmplakat zu "Porgy & Bess".
Werner Gottmanns: Filmplakat

Bilder-Schmuggel nach Westen

Vorher aber musste ein entscheidendes Problem gelöst werden: Werner Gottsmann musste seine Grafiken, die ja "VEB"-Eigentum der DDR waren, nach Borken bringen! Das war nicht so leicht, denn die Stasi funktionierte noch und Werner befürchtete Strafmaßnahmen wegen des Diebstahls von Volkseigentum. Seine Lösung: Er rollte seine Grafiken zusammen, schmuggelte sie unter seinem Mantel in mehreren Durchgängen über die Grenze nach West-Berlin, wo er sie in einem Schließfach am Bahnhof Zoo deponierte. Als er genügend beisammen hatte, schickte er sie mir von West-Berlin aus nach Gronau.

 

Im März kam Werner mit seiner Frau zu uns. Auf der Kunstbörse entwickelte sich ein Riesenrummel um den DDR-Künstler. Fast alle Arbeiten konnte er sogar verkaufen, in harter D-Mark, war für ihn auch ein großer finanzieller Erfolg war. Zufällige Krönung des Ganzen: Aus der Zeitung erfuhr ein ausgerechnet in Gronau lebender Cousin des Künstlers von dessen Besuch - die beiden feierten ein Wiedersehen nach 40 Jahren Trennung!

 

Ausstellungen in Borken und Gronau

 

Im Dezember 1990 ermöglichte ich Werner Gottsmann eine weitere Ausstellung mit Malereien in einer Bank in Gronau. Wir blieben bis zu seinem Tod 2004 in Kontakt. Werner Gottsmann war einer, der das Ende der DDR schwer verkraftete, da Staatsaufträge ausblieben und er PR nicht in dem Maße machte, wie es für einen Erfolg in der Bundesrepublik erforderlich gewesen wäre.

 
 
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