Das öffentliche Bekenntnis kam spät: Nach sechzig Jahren hat Nobelpreisträger Günter Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zum Thema gemacht. Seither reißt die Debatte nicht ab. Was aber war die Waffen-SS? Was bewog junge Männer, der Organisation beizutreten? Wer kämpfte in ihren Reihen? Und schließlich: Wie beurteilen ehemalige Kameraden Grass' langes Schweigen?
"Den Tod geben und den Tod nehmen" - unter diesem Wahlspruch erwarb sich die Waffen-SS an den Fronten des Zweiten Weltkrieges zweifelhaften Ruhm: zwischen Verwegenheit und Verbrechen, propagiertem Heldentum und Massenmord.
Waren ihre Männer "Soldaten wie andere auch"? Gar Inbegriff soldatischer Tapferkeit und Angriffslust? Oder Nazi-Raufbolde und -Schlächter, die man so bedachtsam brutalisiert hatte, dass sie eifrig und willig waren, alles und jeden niederzumachen?
Vom Nürnberger Gerichtshof wurde die Waffen-SS als verbrecherische Organisation eingestuft. Sie zählte organisatorisch zum Imperium der SS, an den Fronten unterstand sie dem Oberkommando der Wehrmacht. Bis heute ist die Waffen-SS ein Phänomen voller Widersprüche, umwoben von sorgsam gepflegten Mythen.

Hervorgegangen war die Waffen-SS aus Hitlers persönlicher "Stabswache", seiner "Verfügungstruppe" sowie aus brutalisierten KZ-Wächtern der "Totenkopf-Verbände". Zu Kriegsbeginn bestand die Truppe aus Freiwilligen, vornehmlich handverlesenen "Militärathleten".
Hitlers persönliche "politische Soldaten" sollten sie sein - Inkarnation des nationalsozialistischen Rasseideals und Träger der antisemitischen, antichristlichen Ideologie. Sie wurden auf unbedingten Gehorsam gedrillt - "bis in den Tod", wie es in ihrem Vereidigungsschwur hieß. Ihr Dienstherr Heinrich Himmler prahlte: "Ich habe Divisionen, die absolut kirchenlos sind und in aller Seelenruhe sterben."
Während des Krieges hinterließ die Waffen-SS eine blutige Spur. Nach verlustreichen Kämpfen gegen britische Eliteregimenter im Mai 1940 eroberte die "Leibstandarte Adolf Hitler" die Ortschaft Wormhoudt in Nordfrankreich. Als die Briten kapitulierten, wurden mindestens 45 Gefangene von Angehörigen der "Leibstandarte" erschossen.
Nur wenige überlebten schwer verletzt das Massaker, kamen in deutsche Gefangenschaft. Der Ruf, rücksichtslos gegenüber Gefangenen und auch der Zivilbevölkerung zu sein, begleitete die Waffen-SS von Anfang an. Orte wie Oradour in Frankreich, dessen Bevölkerung von einer Einheit der Waffen-SS-Division "Das Reich" im Jahr 1944 fast vollständig ausgelöscht wurde, sind dafür bis heute ein bedrückendes Symbol.

Die andere Seite: Wegen ihrer Schlagkraft und Einsatzbereitschaft wurde die Waffen-SS immer dort eingesetzt, wo die Front zu wanken begann - ab 1941 in der Sowjetunion genauso wie später in Frankreich 1944. Die Wehrmacht schätzte sie als "Frontfeuerwehr", doch blieb sie auf Distanz. Ehemalige Wehrmachts-Offiziere wie Phillip von Boeselager und Bernd von Loringhoven berichten, dass die Waffen-SS als NS-hörig galt, als brutal und außerdem als Konkurrent für die Wehrmacht.
Je höher die Verluste der Waffen-SS waren, desto weniger gelang es, den Nachschub ausschließlich in Deutschland zu rekrutieren. So wurden Divisionen mit Freiwilligen aus Nord- und Westeuropa aufgestellt. Als einigendes Band verstanden NS-Ideologen die "Rasse" sowie den "Kampf gegen den Bolschewismus" und den "jüdischen Weltfeind".
Vor pragmatischen Erwägungen rückten "Rasse"- Gedanken jedoch zusehends in den Hintergrund. 1942 genehmigte Hitler die Aufstellung einer estnischen SS-Legion; es folgten lettische, litauische, weißrussische und ukrainische Einheiten. Auf dem Balkan wurde aus der muslimischen Bevölkerung Bosniens die SS-Division "Handschar" aufgestellt, deren Bataillonen man einen eigenen Imam und schweinefleischfreie Verpflegung zugestand.

Der SS-Brigade "Dirlewanger" - 1940 zunächst aus Wilddieben gebildet - wurden so genannte Berufsverbrecher und ab 1944 vereinzelt sogar zwangsrekrutierte politische Häftlinge aus Konzentrationslagern eingegliedert. Vom Prinzip der Freiwilligkeit hatte man sich bei der Aufstellung der Waffen-SS-Verbände längst verabschiedet. Auch die Masse der deutschstämmigen Rekruten vor allem aus Ost- und Südosteuropa - so genannte Volksdeutsche - waren zwangsweise ausgehoben worden.
Bei Kriegsende war die Waffen-SS eine weithin zusammengewürfelte Truppe. 1938 hatte sie 7000 Mitglieder; 1944 war aus dem "Elite-Verband" ein 900.000 Mann starkes Massenheer geworden. Zu den letzten Verteidigern Berlins gehörten im April 1945 französische Kämpfer der Division "Charlemagne" - ganz nach dem Leitspruch der SS: "Meine Ehre heißt Treue".
Seit dem Spätsommer 1944, wenige Monate vor Kriegsende, gehörte auch Günter Grass der Waffen-SS an. Die 10. Panzerdivision Frundsberg war erst 1943 zum Einsatz gekommen. Sie zählte anfangs 19.300 Mann. 1945 wurde sie in aussichtsloser Defensive aufgerieben. Berichte über Kriegsverbrechen liegen nicht vor. Umso lauter wird die Frage gestellt, warum Grass so lange geschwiegen hat. Viele meinen, Grass hätte seine Verstrickung spätestens 1985 öffentlich machen müssen.
Damals hatte er Helmut Kohl und Ronald Reagan scharf für ihren Besuch des Soldatenfriedhofs Bitburg kritisiert, auf dem auch Soldaten der Waffen-SS begraben sind. Ob Grass seine Kriegsvergangenheit von Anfang an verschweigen wollte, ist nicht klar. Eine "Vorläufige Erklärung der Kriegsgefangenen", die er zu unterschreiben hatte, weist ihn als Mitglied der Waffen-SS aus. Es ist jedoch nicht bekannt, ob die Amerikaner diese Angaben von ihm, oder auf andere Weise (etwa durch mitzuführende Papiere) erhalten haben.