Nicht alle historischen Beben sind so bekannt wie das von Basel. Auch in Köln erzitterte die Erde mehrere Male. Die Bedeutung von Erdbeben für die Stadtgeschichte wird erst seit kurzem intensiv erforscht.
Der Kölner Dom ist eines der drei größten gotischen Bauwerke Europas. Ein Teil des Gebäudes wurde auf den Ruinen von zwei Vorgängerbauten errichtet. Professor Sven Schütte interessiert sich besonders für den jüngeren der beiden, eine karolingische Kirche. Aufzeichnungen über eine schreckliche Katastrophe, die Köln im Jahr 750 nach Christus heimgesucht haben soll, machten den Wissenschaftler neugierig.

Tatsächlich fand er verborgene Hinweise in den Fundamenten. An die karolingische Kirche war offenbar am Ende des 8. Jahrhunderts ein elegantes Atrium angebaut worden. Musste hier Eingestürztes ersetzt werden? Schütte hat an dieser Stelle Untermauerungen gefunden, die fünfmal tiefer sind als im Rest der Kirche. Er schließt daraus, dass der Anbau direkt nach dem Erdbeben entstanden sein muss, ausgestattet mit enormen Fundamenten.
"Wir haben die schriftlichen Dokumente in den Archiven gesichtet, alle Grabungsbefunde angeschaut und naturwissenschaftliche Untersuchungen in Zusammenarbeit mit den Seismologen durchgeführt. Das hat dann dazu geführt, dass wir zu dieser Erdbebentheorie gekommen sind."
Diese Erdbebentheorie umfasst auch ein Ereignis, das stattfand, als die Römer in Köln regierten. Die Einwohner der damaligen Hauptstadt der Provinz Germania Inferior, Colonia Claudia Ara Agrippinensium, wurden von dem Beben vermutlich völlig überrascht. Viele starben an Rauchvergiftung oder durch herabfallende Gegenstände. Der Seismologe Professor Klaus-Günther Hinzen glaubt Beweise für ein Beben im Rheingraben zur Zeit der Römerherrschaft gefunden zu haben. Für Hinzen ist der ältere der beiden Vorgängerbauten des Domes von zentraler Bedeutung.

In römischer Zeit stand am Rheinufer ein prächtiger Profanbau. Tief unter der Stadt wurden 1953 die Überreste einer großen Halle entdeckt. Als Köln die Hauptstadt der Provinz Germania Inferior war, diente das Gebäude als Repräsentationsbau. Die gigantischen Fundamente des Palastes weisen deutlich sichtbare Risse auf. Professor Hinzen war der Erste, der diesen Befund mit einem Erdbeben im römischer Zeit in Zusammenhang brachte.
Außerdem fand Professor Hinzen heraus, dass sich der gesamte östliche Teil des Gebäudes in Richtung Rhein abgesenkt hatte und schließlich eine Neigung von sieben Grad aufwies. Das ist mehr als beim schiefen Turm von Pisa. Das Praetorium war direkt am damaligen Rheinufer gebaut. Das Erdbeben verquirlte Rheinwasser mit Ufersand zu einem höchst instabilen Treibsandgemisch. Das Gebäude versank teilweise einfach im Schlamm.
"Der Bereich zwischen Aachen, Köln und Bonn ist quasi eine flache Schüssel, eine flache Schüssel des festen Gesteins, und die ist gefüllt mit weichen Sedimenten - Sanden, Kiesen und ähnlichem. Solche weichen Sedimente führen im Falle eines Erdbebens ein Eigenleben wie ein Wackelpudding. Das heißt, dass die Bodenbewegung oben auf dem Wackelpudding deutlich stärker sein kann als am unteren Rand."

Welche Folgen würde aber ein Beben der Stärke 6.8 auf den weltberühmten Kölner Dom haben? Er würde - ebenso wie die meisten anderen historischen Gebäude Europas - in erheblichem Maße zerstört werden. Von ihnen droht in besonderem Maße Gefahr für die Menschen einer erdbebengeschüttelten Stadt. Allein die Splitter der Fenster, die aus großer Höhe herabstürzen stellen für Schutzsuchende eine tödliche Gefährdung dar. Auch bestehen ältere Bauwerke oft zu einem guten Teil aus Holz, das sich bei einem Beben leicht entflammen kann.
"Es ist natürlich relativ schwer vorher zu sagen, was wirklich passiert. Die Türme auf der westlichen Seite sind sehr stabil, weil sie 17 Meter tiefe Fundamente haben. Während auf der anderen Seite der Chor auf einer riesigen Auffüllung schon aus römischer Zeit steht. Wahrscheinlich würde auf der östlichen Seite sehr viel mehr passieren."