Seitdem es Fernsehen gibt in Deutschland, gibt es auch Übertragungen von christlichen Gottesdiensten in diesem Medium. Seit 1986 überträgt das ZDF jeden Sonntag von 9.30 bis 10.15 Uhr einen Gottesdienst.
Der ZDF-Staatsvertrag gewährt den Kirchen "angemessene Sendezeiten" zur Übertragung solcher Feiern. Dies bedeutet in der Praxis die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen den Kirchen und dem Sender. Die inhaltliche Verantwortung für Verkündigung, Liturgie und Predigt liegt uneingeschränkt bei den Kirchen. Sie wird praktisch wahrgenommen von Beauftragten oder deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die vor Ort sind. Die rundfunkrechtliche Verantwortung trägt der Intendant des ZDF, in seinem Auftrag der Redakteur oder die Redakteurin von "Kirche und Leben". Die Kirchen sehen in der sonntäglichen Gottesdienstübertragung einen Beitrag des ZDF zur Grundversorgung der Zuschauer, zugleich aber auch eine Chance zur Präsenz in der Gesellschaft und zur Verkündigung ihrer Botschaft. Sie haben Beauftragte ernannt und Stellen eingerichtet, die in Zusammenarbeit mit den Redaktionen die Gemeinden auswählen und vorbereiten, die Übertragungen selbst begleiten und die seelsorgerliche Nacharbeit in Form von Telefondiensten und der Beantwortung von Zuschauerpost organisieren.
Da sich die verschiedenen christlichen Traditionen auch in ihrem Gottesdienstverständnis unterscheiden, werden bei den Übertragungen auch unterschiedliche Akzente gesetzt. Die katholischen Bistümer des deutschsprachigen Raumes haben 1989 durch ihre Liturgischen Kommissionen "Leitlinien für die mediale Übertragung von gottesdienstlichen Feiern" herausgegeben, in denen dargelegt und theologisch begründet wird, warum katholische Gottesdienste grundsätzlich nur "live und vollständig" übertragen werden dürfen. Diese Regelung ist das Ergebnis einer Diskussion, die von Vorbehalten gegenüber der regelmäßigen Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen ausgelöst worden war. Die Frage war, wie die Zuschauer am Bildschirm an einem Gottesdienst teilnehmen, der ja in der Regel - wenn auch nicht ausschließlich - ein katholischer Sonntagsgottesdienst ist, also eine Eucharistiefeier oder Messe. Die "Leitlinien" betonen, dass es einen qualitativen Unterschied gibt zwischen der unmittelbaren Teilnahme an einer Messe und der "mittelbaren und intentionalen Teilnahme" der Zuschauer an der liturgischen Feier. Darum zielen alle Bemühungen der Katholischen Fernseharbeit und auch der Redaktion "Kirche und Leben (kath.)" darauf ab, diese "intentionale Teilnahme" der Zuschauer am gottesdienstlichen Geschehen zu ermöglichen und zu optimieren. So hat die Katholische Fernseharbeit in Zusammenarbeit mit der Redaktion wiederholt Schulungen für Regisseure und Kameraleute durchgeführt, um ihnen die Bedeutung von Kirchenräumen unterschiedlicher Stilrichtungen zu erschließen. Das Ziel ist, den Kirchenraum und seine Elemente einzubeziehen in eine "mystagogische Bildregie", eine Regie also, die den Zuschauer hinführt zu einer Teilnahme am gottesdienstlichen Geschehen, das als "Mysterium", als religiöses Geheimnis gedeutet wird.
Dem Bemühen um die Ermöglichung einer Teilnahme durch den Zuschauer dienen auch andere Maßnahmen, die der Übertragung katholischer Gottesdienste im ZDF eigen sind. So werden diese in der Regel mehrere Male oder in regelmäßigen Abständen aus ein und derselben Gemeinde gesendet, damit sich die Zielgruppe an einen Kirchenraum, einen Pfarrer oder Prediger gewöhnen kann. Dies alles mit dem einen Ziel, den Zuschauer der Gottesdienste zum Teilnehmer zu machen, mittelbar und intentional, aber doch wirklich.
Das gilt in gleichem Maße auch für die evangelischen Gottesdienste. Die häufigen Anfragen nach Einblendung von Liednummern während der Übertragung lassen vermuten, dass sich eine nicht unerhebliche Zahl von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Gottesdienst am Fernsehschirm tatsächlich hineingenommen fühlt, ihn miterlebt als aktiver Teilnehmer. Anders als im katholischen Bereich setzen die Verantwortlichen der EKD bei der Auswahl von Übertragungsorten auf das breite Spektrum der protestantischen Traditionen. Zwar kann es vorkommen, dass eine Gemeinde wegen der guten Erfahrungen, die mit ihr gemacht wurden, im Laufe einiger Jahre wieder aufgesucht wird; aber gerade in der Möglichkeit, Sonntag für Sonntag eine andere Kirche, eine andere Tradition oder eine andere Predigergestalt zu entdecken, liegt der große Reiz, die Übertragungsorte ständig zu wechseln. Und immer wieder machen die Gemeinden in Vorbereitung und Feier der Fernsehgottesdienste neue Erfahrungen. Gerade für das protestantische Gottesdienstverständnis mit seiner Konzentration auf Sprache und Predigt stellen sich durch eine solche Übertragung neue Fragen. Denn ein Gottesdienst in unserem elektronischen Medium lebt von Bildern, von visuellen Stimmungen, vom Glanz der sonntäglichen Feier. Und so entdecken die Beteiligten in den Übertragungsgemeinden, dass die Vermittlung von Inhalten nicht ohne Reflexionen auf die konkrete Form gelingen kann. Was im 'normalen' Gemeindegottesdienst als selbstverständlich gilt, erscheint durch die Fragen von Regie und Bildgestaltung in einem völlig neuen Licht.
Die Gottesdienstübertragungen im ZDF sind auch unter dem Gesichtspunkt der Quote ein "Erfolg". Die Zahl der Zuschauer schwankt zwischen einer halben Million und rund 900.000; der durchschnittliche Marktanteil liegt bei 11 Prozent. Die Beliebtheit der Reihe ist in den letzten 15 Jahren kontinuierlich gestiegen. Sie ist das einzige Programmangebot im ZDF, das seit der Einführung des Privatfernsehens seine Zuschauerzahlen verdoppeln konnte: von ca. 360.000 im Jahre 1986 auf jetzt etwa 700.000 durchschnittlich. Sind die Deutschen also doch frömmer als allgemein behauptet wird? Viele Erfahrungen sprechen dagegen. Wir glauben aber, dass die konsequente Arbeit an diesem Programm als Serviceangebot an eine bestimmte Zuschauergruppe zu diesem Erfolg beigetragen hat.
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