Eine Studie des Berlin Instituts belegt, dass junge, qualifizierte Menschen Ostdeutschland verlassen. Sie suchen im Westen oder im Ausland eine neue berufliche und private Perspektive. Warum? Dazu ein Interview mit einem Verfasser der Studie, Rainer Klingholz.
ZDFonline: Ihre Studie aus dem Jahr 2007 machte öffentlich, dass es eine dramatische Abwanderung junger Menschen aus Ostdeutschland gibt. Hat sich daran bis heute etwas geändert?
Rainer Klingholz: Für das Jahr 2009 haben wir noch keine Zahlen, aber 2008 schritt die Abwanderung ununterbrochen voran. Auch der hohe Anteil junger, qualifizierter Frauen änderte sich nur geringfügig. Nach wie vor verlassen überwiegend junge Frauen ihre ostdeutsche Heimat.
ZDFonline: Warum sind es denn gerade junge Frauen, die einen neuen Anfang wagen?
Klingholz: Es gehen immer die Besten. Es gehen die, die clever genug sind, einen Neuanfang zu wagen. Natürlich ist es einfacher mit einem Abitur in der Tasche eine Ausbildung zu beginnen als mit einem schlechten Hauptschulabschluss. Und Abitur machen in Ostdeutschland einfach viel mehr Frauen als Männer.
ZDFonline: Woher rührt der große Bildungsunterschied zwischen ostdeutschen Männern und Frauen?
Klingholz:Die Gründe sind vielschichtig. Als ein entscheidender Faktor erscheint uns, dass ostdeutsche Männer noch von alten Berufsbildern geprägt sind, in denen das "Malochen" und nicht Bildung im Vordergrund steht. Doch in diesen klassischen Arbeiterberufen gibt es kaum mehr Arbeitsplätze. Mit einem anderen Rollenbild könnten ostdeutsche Männer in frauentypischen Branchen wie im Tourismus oder im Dienstleistungssektor durchaus Chancen auf Ausbildung und Beschäftigung haben.
ZDFonline: Aber es kommen doch auch ungebildete Arbeiter aus Osteuropa zum Arbeiten, auch nach Ostdeutschland.
Klingholz: Sie zielen auf die Gruppe der "Spargelstecher" ab. Nun, viele der schlecht ausgebildeten, arbeitslosen Männer haben sich in ihrer Perspektivlosigkeit eingerichtet, sich damit abgefunden. Der Druck zu arbeiten ist für Osteuropäer einfach größer und sie sind für harte Arbeit schlichtweg qualifizierter, weil sie es gewöhnt sind. In machen ostdeutschen Orten ist ein Milieu entstanden, das generationsübergreifende Arbeitslosigkeit gewöhnt ist.
ZDFonline: Welche Folgen hat dies für die ostdeutsche Gesellschaft?
Klingholz: Das ist dramatisch. Junge, gut ausgebildete Frauen sind abgewandert und mit ihnen potentielle Mütter. Zurück bleibt ein Männerüberschuss, alt und oft schlecht ausgebildet - in manchen Regionen beträgt der Männeranteil bei Hauptschülern und Schülern ohne Abschluss über 70 Prozent (Anmerk. d. Red.: bspw. im Kreis Elbe-Elster). Mit alten und schlecht ausgebildeten jungen Menschen lässt sich aber keine Zukunftsperspektive für eine Gesellschaft entwickeln. Die Überalterung, der demografische Niedergang wird in vielen Regionen Ostdeutschland potenziert vonstatten gehen. Die jungen Frauen und damit Mütter sind ja weg.
ZDFonline: Bei dieser Prognose - machen da staatliche Förderung für Ostdeutschland noch Sinn?
Klingholz: Förderung macht nur Sinn, wenn ein Entwicklungspotential vorhanden ist. Das ist in etlichen ländlichen Regionen Ostdeutschlands nicht mehr gegeben. Dort sollte man nur noch Maßnahmen finanzieren, die das öffentliche Leben erhalten. In diesen perspektivlosen Gegenden, deren Anzahl leider steigt, werden die jungen Menschen abwandern. Eine Förderung wird sie nicht mehr aufhalten.
ZDFonline: Gibt es denn irgendeinen Lichtblick im Osten Deutschlands?
Klingholz: Natürlich. Es hat sich im Osten Hochtechnologie angesiedelt. Es gibt prosperierende Regionalzentren wie Jena, Dresden und Leipzig. Aber auch das Berliner Umland entwickelt sich. Nur diese Zentren profitieren im Grunde auch von der starken Landflucht gut ausgebildeter junger Menschen aus den entlegenen ostdeutschen Landstrichen. Der Überalterung, dem demografischen Niedergang dieser Gegenden wird man kurzfristig nichts entgegensetzen können.