Das industrielle Interesse an Algen wächst, längst übertrifft die Nachfrage das Angebot. Bis zu zehn Millionen Tonnen werden Jahr für Jahr aus den Ozeanen gefischt. Ein kleiner Teil stammt aus natürlichen Beständen, der größte aus Aquakulturen in asiatischen Gewässern. Algen werden in der Kosmetik, Medizin, Pharmazie und Lebensmittelindustrie eingesetzt.

Algen sind die wichtigsten Sauerstoffproduzenten der Erde, und sie speichern Mineralien des Meeres in konzentrierter Form. In Asien sind Algen ein fester Bestandteil des Speiseplans.
Seit Jahrtausenden werden Meeresalgen geerntet, verzehrt oder anderweitig genutzt. Ihre Bedeutung ist nur dort in Vergessenheit geraten, wo der Mensch genügend fruchtbares Land für Ackerbau und Viehzucht vorgefunden hat. In Japan steht das Meeresgemüse traditionell auf dem Speiseplan und ist eine wertvolle Ergänzung zu Reis und Fisch.
Immer mehr Verbraucher in Europa und den USA schätzen Algen als kulinarische Spezialität. Sie schmecken nicht nur gut, sondern sind auch reich an Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Jod. Zehn Gramm gefriergetrockneter Seetang genügen, um den Tagesbedarf eines Erwachsenen an Vitaminen und Mineralsalzen zu decken. Außerdem sind Algen besonders ballaststoffreich, vergleichbar Hülsenfrüchten oder Kohl. Die einzige Algenzüchtung in Deutschland findet auf Sylt statt. Auf der Algenfarm wird die Braunalge Laminaria saccharina und die Rotalge Palmaria gezüchtet. Letztere findet in der kosmetischen Industrie Verwendung.
Die Lebensmittelindustrie gewinnt aus der Algen so genannte Phyllokoide Carageen, Agar und Alginat als Gelier- und Verdickungsmittel. Sie werden als Fett- oder Schaumstabilisatoren eingesetzt. Im richtigen Verhältnis miteinander gemischt, erzeugen Extrakte der auch auf Sansibar gezüchteten Algenarten Eucheuma spinosum und Eucheuma cottoni jeden gewünschten Grad an Festigkeit, sei es in Speiseeis, Hautcreme, Zahnpasta, Brot oder Wurst.

Da Alginsäure vom menschlichen Körper nicht aufgenommen wird, findet sie sich in Abführmitteln, in Diät- und Schlankheitsmenüs. Sogar gegen Falten, Gelenkschmerzen oder verblassende Schönheit soll das "Gemüse des Meeres" helfen. Algenpräparate in Gesichtsmasken und im Badewasser liegen zurzeit voll im Trend. Und selbst bei der Herstellung von Farbe, Baumaterial, Papier oder Leim wird Seetang verwendet, der ergiebigste Rohstoff für Alginat.

Zwei Handelsfirmen kaufen den Algenfischerinnen von Sansibar ihre Ernte ab. Bis vor kurzem war die gesamte Ausbeute für den Export bestimmt. Das meiste geht in die USA, nach Frankreich und Dänemark. Bezahlt wird nach Trockengewicht: pro Kilogramm zwischen vier und acht Cent. Der Preis ist abhängig von der Algenart, vom Weltmarkt und der Steuer, die der Staat auf die Ausfuhr erhebt. 5000 Tonnen getrocknete Algen exportiert allein die C-Weed-Corporation im Jahr, ein Sechstel der Gesamtproduktion Sansibars.
Das Geschäft läuft gut, aber die niedrigen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt verhindern den durchschlagenden Erfolg. Vor zwanzig Jahren wurden Algen als Nutzpflanzen an der Ostküste Sansibars zum ersten Mal kommerziell produziert. Heute bestellt fast jede Familie ihr eigenes Feld. Alles, was sie dafür brauchen, sind ein paar Stöcke, Schnüre, genügend Ableger und eine noch freie Fläche im Gezeitenbereich.

Algen sind leicht zu kultivieren, die Investitionen sind gering. Die Frauen benötigen weder Dünger, noch Pestizide oder Maschinen. Ein paar gesunde, kräftige Exemplare genügen für die Zucht. "Im Flachwasserbereich sind die Algen bei Ebbe hohen Temperaturen ausgesetzt", erklärt die Meeresbiologin Dr. Flower Msuya: "Wenn es regnet, verändert sich der Salzgehalt. Diese plötzlichen Schwankungen der Umweltfaktoren sind vermutlich schuld am Absterben von cottoni Algen. Deshalb suchen wir nach einer Methode, mit der wir die Algenart wieder produzieren können, denn sie verkauft sich besser."

Mit einem neu entwickelten Anbauverfahren sollen die cottoni Algen im tiefen Wasser angepflanzt werden. Sie wachsen an einer Seilkonstruktion, die über Ankersteine gespannt bis zu sechs Meter unter der Wasseroberfläche schwimmt. Ein positiver Nebeneffekt: Durch den Verzicht auf Holz werden die Mangrovenwälder geschont. Die Versuche zeigen, dass cottoni im tieferen Wasser tatsächlich besser wächst. Hier werden auch die Pigmente, die für die Färbung der Rotalgen verantwortlich sind, nicht durch zu intensives Sonnenlicht zerstört.
Aber dieses Anbauverfahren hat für die Frauen große Nachteile: Sie brauchen Taucher und Boote, in armen Ländern ist das keine Selbstverständlichkeit. Noch sind keine Lösungen in Sicht. Geplant ist die Vermarktung der Algenprodukte im Wellness-Bereich eines umweltverträglichen Fremdenverkehrs. Außerdem produzieren die Frauen mit einfachen Mitteln aus getrockneten und pulverisierten Algen hochwertige Seifen. Durch die Verzahnung von Ökotourismus und Algenzucht, durch die enge Zusammenarbeit zwischen Meeresbiologen, Handel und Politik, nimmt der Traum von einem besseren, unabhängigeren Leben an Sansibars Küsten wirklich konkrete Formen an.