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12. Februar 2012
 

ZDF.reportage

 
sonntags, 18.00 Uhr
Lohn- und Gehaltsabrechnung. Quelle: imago
Mehr Menschen arbeiten für niedrigere Löhne.

ZDF.reporter vom 28.1.2010

"Lohndumping häufiger ahnden!"

Interview mit IAB-Forscher Trappmann über staatliche Subvention von Niedriglöhnen

von Katja Scherl

Den kargen Lohn von 1,32 Euro, gerade mal genug Geld für eine Fertigpizza. Das hat ein ehemaliger Pizzabäcker seinen Mitarbeitern gezahlt. Sittenwidrig - Dumpinglöhne, entschied jetzt das Arbeitsgericht Stralsund. Der Mann muss 6600 Euro an die Behörde zur Betreuung von Langzeitarbeitslosen (ARGE) zurückzahlen. Denn die musste das Gehalt der Pizzeria-Mitarbeiter mit Hartz IV aufstocken.

 
 
 
 

Jahrelang wurden damit Hungerlöhne subventioniert. Ein Extrem-, aber kein Einzelfall: Über 1,3 Millionen Menschen müssen in Deutschland aufstocken, weil ihr Gehalt nicht zum Leben reicht. ZDF.reporter sprach mit Mark Trappmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über die Gründe.

 

ZDFonline: Warum steigt die Anzahl der Aufstocker in Deutschland an?

Mark Trappmann: Einen Anstieg gab es vor allem zwischen Januar 2007 und Dezember 2007. Es gibt zwei mögliche Gründe für diese ansteigende Entwicklung, die sehr unterschiedlich zu bewerten sind: Zum einen steigt die Zahl an, wenn Menschen, die immer schon bedürftig waren, eine Arbeit aufnehmen. Zum anderen steigt sie, wenn Personen, die immer schon eine Arbeit hatten, nicht mehr davon leben können. Im schlimmsten Fall, weil die Stundenlöhne gesunken sind.

ZDFonline: Ist dies flächendeckend in Deutschland der Fall?

 

Trappmann: Die Statistik zeigt uns, dass vor allem der Anteil der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen mit Minijobs seit Januar 2007 stark von 10,4 auf 15,6 Prozent angestiegen ist. Diese Entwicklung ist zu begrüßen: Hier erfüllt Hartz IV den Zweck, erst mal wieder Arbeitsanreize zu schaffen. Dagegen sind die Aufstocker mit Arbeitseinkommen über 800 Euro, unter denen sich viele Vollzeiterwerbstätige befinden, im selben Zeitraum nur geringfügig von 6,4 auf 6,8 Prozent gestiegen.

Zitat

„Wir beobachten in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Lohnspreizung.“

Mark Trappmann

ZDFonline: Das bedeutet aber auch, dass 6,8 Prozent der Menschen, die Hartz IV beziehen, ganztags arbeiten und nicht davon leben können. Warum?"

Trappmann: Wir beobachten in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Lohnspreizung. Insgesamt arbeiten mehr Menschen in Arbeitsstellen, die niedrigere Löhne anbieten. Das geht bis hin zu Fällen, in denen Menschen dieselbe Arbeit für weniger Geld machen.

ZDFonline: Aber das funktioniert doch nur, weil der Staat die niedrigen Löhne ausgleicht - sie damit also subventioniert.

 

Trappmann: Das ist eine richtige Diagnose. Hier führt eine eigentlich gut gemeinte Hinzuverdienstregel dazu, dass Menschen ihre Arbeitskraft zu einem Wert verkaufen, von dem sie nicht leben können. Das würden sie natürlich nie ohne die Möglichkeit des Aufstockens tun.

Zitat

„Natürlich gibt es Mitnahmeeffekte von Seiten der Arbeitgeber. Sie bieten Löhne an, die ohne Hartz IV keiner akzeptieren würde. “

Mark Trappmann

ZDFonline: Und die Arbeitgeber profitieren davon und schieben ihre soziale Verantwortung auf den Staat ab.

Trappmann: Natürlich gibt es Mitnahmeeffekte von Seiten der Arbeitgeber. Sie bieten Löhne an, die ohne Hartz IV keiner akzeptieren würde. Das ist eine unerwünschte Nebenwirkung.

 

ZDFonline: Was kann man dagegen tun?

 

Trappmann: Nach wie vor ist ein großer Teil der Arbeitsplätze durch Tarifverträge vor Lohndumping geschützt. In dem wachsenden Teil, in dem das nicht mehr der Fall ist, gibt es zum einen die Möglichkeit, gerichtlich gegen sittenwidrige Löhne vorzugehen. Lohndumping muss häufiger geahndet werden. Das findet vermutlich auch deshalb bisher nur selten statt, weil die Menschen, die von solchen Lohnangeboten betroffen sind, sich in den meisten Fällen keine Rechtschutzversicherung und damit auch nicht leisten, selbst vor Gericht gegen diese Löhne vorzugehen. Hier sind stärker auch die ARGEn gefragt, die ja in Einzelfällen - wie jetzt in Stralsund - bereits gegen Dumpinglöhne prozessieren.

ZDFonline: Die Bundesregierung möchte - so steht es im Koalitionsvertrag - die Hinzuverdienstgrenze für Langzeitarbeitslose verbessern. Was hätte das für Auswirkungen auf die Aufstocker? Trappmann: Das klingt wie ein gutes Angebot, aber ich bin da skeptisch. Zum einen führt das zu dem unerwünschten Effekt, dass Menschen, die arbeiten, noch schwerer aus Hartz IV rauskommen würden. Damit würde insgesamt die Anzahl der Aufstocker steigen. Und das bedeutet auch mehr Kosten für den Steuerzahler. Das sind Gelder, die man meines Erachtens sinnvoller investieren kann.

 

ZDFonline: Wie?

 

Trappmann: Der Großteil der Aufstocker kann gar nicht Vollzeit arbeiten. Hier laufen zusätzliche Anreize ins Leere, weil die Betreuung von Kindern, gerade im Falle von Alleinerziehenden eine Ausweitung des Arbeitsangebots oft gar nicht zulassen. Zudem sind viele Aufstocker gering qualifiziert. Sie bekommen oft zwar einen Minijob, der auch für Arbeitgeber günstig ist, ihnen wird aber eine Stelle mit höherem Einkommen gar nicht angeboten. Wenn man das Geld für Kinderbetreuung und Weiterbildung einsetzen würde, wäre es in meinen Augen sinnvoller angelegt, als in eine Ausweitung der Hinzuverdienstgrenze.

 
 
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