Die Terror-Anschläge vom 11. September 2001 haben Amerika verändert. Doch während unmittelbar nach den Ereignissen die Welt der amerikanischen Regierung mit viel Sympathie gegenüberstand, wurde die Kritik spätestens mit dem Irak-Krieg immer lauter. Viele seien heute der Meinung, dass die Amerikaner nun nicht mehr Teil der Lösung der Probleme seien, "sondern selbst zum Problem der Weltpolitik geworden sind", sagt der Bonner Politologe Christian Hacke.
ZDFonline: Wie hat sich Amerika in den fünf Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verändert?
Christian Hacke: Das Land hat sich sehr verändert und zwar sowohl in der Bevölkerung als auch an der politischen Spitze. Durch den 11. September sind die USA verwundbar geworden. Sie haben das Gefühl der Sicherheit verloren, aber gleichzeitig hat Präsident George W. Bush eine neue Aggressivität in die Außenpolitik eingeführt. Das wurde im Kampf gegen den Terror bis zum Eingreifen in Afghanistan verstanden, wird seitdem aber von Amerikanern und in der Welt in Frage gestellt.
ZDFonline: Welche Auswirkungen hat dies?
Hacke: Die Amerikaner und die Regierung Bush haben zunächst nach dem 11. September 2001 in der Welt viel Sympathie erhalten - so lange der Fokus auf der Terrorismusbekämpfung lag. Doch im Zuge des Irak-Kriegs haben sich die USA verändert: Die Regierung Bush geriert sich seitdem zunehmend radikal, missionarisch und imperialistisch in der Außenpolitik, und illiberal im Inneren. Für manchen drängt sich der Verdacht auf, dass die Regierung das Trauma vom 11. September geschickt - andere würden sagen skrupellos - genutzt hat, um über den Krieg gegen den Terror hinaus andere Ziele wie eben den Irak ins Visier zu nehmen - denn der Irak war den amerikanischen Neokonservativen schon länger ein Dorn im Auge, wie im Übrigen auch der Iran jetzt ins Auge sticht.
ZDFonline: Amerika musste nach den Anschlägen seine globale Rolle neu definieren. Heraus kamen unter anderem der Patriot Act oder das Lager Guantanamo. Gibt es dafür heute noch Verständnis?
Hacke: Verständnis für den Partiot Act ja, aber Guantanamo und Abu Ghraib sind definitiv zum Schandfleck geworden. Vom 11. September bis vor den Ausbruch des Irak-Krieges war Amerika in großer Übereinstimmung mit dem Rest der Welt. Beim Krieg gegen den Terror mit Blick auf die Absetzung der Taliban und Verfolgung von El Kaida in Afghanistan gab es viel Verständnis sowohl im eigenen Land als auch in der Welt. Doch der Bruch geschah zwischen Kabul und Bagdad - da ist die Regierung Bush vom Kurs abgekommen.
ZDFonline: Kann die US-Regierung heute noch überzeugen?
Hacke: Bush sucht nach wie vor, die Bevölkerung und die gesamte Welt davon zu überzeugen, dass auch im Irak der Krieg gegen den Terror erfolgreich fortgesetzt wird. Täuschen wir uns nicht: Ein großer Teil der Amerikaner mag das noch heute glauben, vielleicht Bush selbst auch. Doch der Rest der Welt ist darüber erbost, dass durch den Angriffskrieg gegen den Irak der Krieg gegen den Terror erweitert und vertieft wurde.
Für die Radikalen in der muslimischen Welt war er sogar ein Geschenk Gottes, der unglücklicherweise unter anderem im Zusammenhang mit dem Karikaturen-Streit die Gegensätze zwischen der westlichen Welt und der islamischen vergrößert hat. Vor diesem Hintergrund ist die unkritische, unterstützende Haltung der USA gegenüber Israel in den vergangenen Jahren - vor allem mit Blick auf den brutalen und völkerrechtswidrigen Angriff im Libanon - von besondere Tragik. Dadurch verhärten sich die Fronten zwischen den USA und der muslimischen Welt weiter.
Christian Hacke, geboren 1943, ist Professor für internationale Politik an der Universität Bonn. Er ist Experte für Fragen der amerikanischen Außenpolitik.
ZDFonline: Wie werden die Amerikaner nun in der Welt wahrgenommen?
Hacke: Heute ist die Lücke zwischen eigener Wahrnehmung und der fremden Wahrnehmung in der Welt ganz eklatant geworden. Der Rest der Welt glaubt, dass die Amerikaner nun nicht mehr Teil der Lösung der Probleme sind, sondern selbst zum Problem der Weltpolitik geworden sind.
ZDFonline: Wird die Macht der Amerikaner dadurch schwächer?
Hacke: Wir haben in der modernen Geschichte keinen Zeitpunkt, wo das Ansehen einer amerikanischen Regierung so tief gefallen war. Die enorme militärische Überlegenheit nutzt den USA nichts mehr. Die Amerikaner sind nicht mehr zivilisatorisches Vorbild, sondern zum abschreckenden Beispiel der Weltpolitik geworden.
ZDFonline: Hat Präsident Bush sein Ziel, Afghanistan und den Irak zu demokratisieren, verfehlt?
Hacke: Völlig. Zur Demokratisierung gehört mehr als die Regierung Bush sich wohl bis heute vorstellt. Aber die wirklichen Kosten und Beiträge zur Demokratisierung im nicht-militärischen Sinne versuchen gerade in Afghanistan die Europäer und vor allem Deutschland zu leisten.
ZDFonline: Welche Bilanz kann Amerika nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 folglich ziehen?
Hacke: Positiv bleibt, dass es keine vergleichbare Wiederholung von 9/11 gibt. Aber der Terrorismus hat sich in der Welt ausgeweitet, weil die USA die Herausforderung einseitig militarisiert haben. Sie haben es versäumt, die lokalen regionalen Wurzeln und Brandherde mit nicht-militärischen Mitteln zu isolieren beziehungsweise auszulöschen. Fünf Jahre nach 9/11 ist die Welt unsicherer geworden, Kriege haben zugenommen. Der Regierung Bush wird immer weniger eine ordnende, stabilisierende Funktion in der Weltpolitik zugetraut.
Auch deshalb ist der Terrorismus ist auf dem Vormarsch, weil zu wenig erkannt wird, dass Terrorismus kein Gegner ist, sondern eine Methode. Die Ursachen hierfür, besonders im Nahen Osten, müssen mit nicht-militärischen Mitteln beseitigt werden. Doch solange vor allem Israel nicht endlich einen Palästinenserstaat zulässt, der diesen Namen verdient, und solange die Regierung Bush nicht entscheidend mehr hierfür tut und Israel auf diesen Kurs drängt, bleibt die Weltlage gefährdeter denn je.