Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den vergangenen Jahrzehnten haben sich inzwischen auf die Baunormen übertragen. Die Normen sind in den meisten Regionen Deutschlands auch verbindliche Bauvorschrift. Allerdings gelten diese nur für normale Hochbauten wie Wohn- und Geschäftsgebäude, nicht aber für chemische Anlagen.
Ausgerechnet das Herzstück der deutschen chemischen und petrochemischen Industrie liegt in einer Region, die von einem massiven Netzwerk von Verwerfungen durchzogen ist, dem Ruhrgebiet. Ein Beben der Stärke 6.8 auf der Richterskala würde in Deutschland, Belgien und Holland große Schäden anrichten.
Explosionen, Großbrände und ein hochgiftiger Cocktail aus flüchtigen Substanzen würden den Nordwesten Europas bedrohen. Es würde Tage dauern, bis allein die Feuer unter Kontrolle gebracht werden könnten, wie der Brand einer Raffinerie in Herefordshire 2005 in kleinerem Maßstab zeigte.
Atomkraftwerke gelten allgemein als erdbebensicher. Beim Bau orientiert man sich am stärksten nachgewiesenen Beben der Region und stellt sicher, dass das Kraftwerk einen Erdstoß der gleichen Stärke unbeschadet übersteht. Der Gedanke an größere Beben spielt bei der Planung allerdings keine Rolle. In den 80er-Jahren hatte es Rüttelversuche an einem kleinen Versuchskraftwerk in Kahl am Main gegeben, die Prognosen für den Ernstfall möglich machen sollten. Die Versuche wurden nach kurzer Zeit eingestellt und die Ergebnisse nie veröffentlicht.

Dass weltweit die Gefahren unterschätzt werden, zeigt der Fall Kashiwazaki. Im erdbebenerprobten Japan trat im Juli 2007 nach einem Beben der Stärke 6.8 radioaktives Kühlwasser aus und verseuchte die Umgebung. Die baulichen Standards des Werkes galten vor dem Unglück als hoch. International hofft man auf Frühwarnsysteme, aber deutsche Forscher sind skeptisch.
"Bei einem Frühwarnsystem für Erdbeben handelt es sich nicht um ein Vorhersagesystem, denn das Erdbeben hat bereits stattgefunden. Ist das Epizentrum in einiger Entfernung von einer Stadt, brauchen die zerstörerischen Wellen Sekunden, in optimalen Fällen bis über eine Minute, um die Stadt zu erreichen. Diese Zeit kann man nutzen, um automatische Sicherungsvorkehrungen zu treffen. Man kann Ampeln an gefährdeten Brücken automatisch innerhalb von Sekunden auf Rot stellen lassen, dass kein weiteres Fahrzeug mehr drauf fährt, man kann in Gasleitungen den Druck herabfahren, so dass es nicht zu Explosionen kommt, U-Bahnen zum Halten bringen oder Flugplätze warnen, damit keine Flugzeuge mehr landen."

Deutlich höher sind die Ziele des deutsch-amerikanischen Forschungsprojektes GRACE gesteckt. Seit 2002 sammelt das System Daten über das Klima, die Schwerkraft und das Magnetfeld der Erde. Die Messungen werden von den Zwillingssatelliten Tom und Jerry durchgeführt, die stets in exakt dem gleichen Abstand voneinander ihre Bahnen um die Erde ziehen. Sie ermöglichen eine neue Sichtweise auf die Erde. Betrachtet man ihr Schwerefeld, präsentiert sich die Erde nicht mehr als Kugel, sondern eher als Kartoffel. Was noch eher spielerisch daherkommt, soll in Zukunft Menschen retten:
"Ich hoffe, dass wir mal mit diesen Satelliten dahin kommen, dass wir auch Erdbeben vorhersagen können und rechtzeitig Warnungen geben können. Wir können damit auch indirekt beobachten, wie sich die Platten aufeinander zu oder voneinander weg bewegen und dann entsprechend Vulkane oder Erdbeben entstehen."
Das Studium vergangener Beben ist ein Anfang in dem dringend notwendigen Umdenkprozess. Nur wenn wir die Zeichen der Vergangenheit richtig deuten, können wir sinnvolle Schlüsse für die Zukunft ziehen. Unsere angeblich so solide und sichere Welt birgt große Gefahren. Wir müssen sie erforschen und die gewonnenen Erkenntnisse zu unserem Schutz einsetzen.