
Die Wehrmacht war nicht nur die größte kriegführende Armee der deutschen Geschichte. Sie war ein Millionenheer, das einen größeren Machtbereich besetzte als je eine deutsche Streitmacht zuvor. Auf die Person des Tyrannen persönlich vereidigt, ließ sie sich zum Werkzeug einer Diktatur und zum Erfüllungsgehilfen eines wahnhaften Rassefeldzuges machen, im mörderischsten Krieg der Weltgeschichte. Bereitwillig folgte sie menschenverachtenden Befehlen - gehorsam bis in den eigenen Untergang.
Über sechs Jahrzehnte nach Kriegsende und über zehn Jahre, nachdem eine brisante Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht eine hitzige Debatte in Deutschland entfacht hat, ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen.
Viele Zeitzeugen sind nun in einem Alter, in dem sie noch befragt werden können, in dem die Zurückhaltung früherer Tage dem Bedürfnis weicht, die oft bedrückenden und traumatischen Erlebnisse mitteilen zu können. So intensiv wie nie zuvor sind allerneueste Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in diese ZDF-Reihe eingeflossen. Es sind teils unbekannte Fakten, die es ermöglichen, ein neues und differenziertes Bild der Wehrmacht zu zeichnen.
Umfangreiche investigative Recherchen förderten neue Quellen zutage, die für diese Reihe ausgewertet wurden - darunter zahlreiche bislang unentdeckte Filmdokumente. Die Reihe "Die Wehrmacht" lässt jene Historiker zu Wort kommen, die in den letzten Jahren durch neue und unerwartete Erkenntnisse von sich reden machten.
So rätselte die Forschung lange, warum Hitler im Feldzug gegen Frankreich 1940 seine Panzer vor Dünkirchen stoppen ließ. Fast 350.000 britische und französische Soldaten gelang es damals, sich über den Kanal abzusetzen. Sollte die Vernichtung des fliehenden Gegners allein der deutschen Luftwaffe vorbehalten bleiben? Oder hoffte Hitler womöglich auf das Entgegenkommen Churchills bei Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich?

Wie neu entdeckte Dokumente belegen, ging es dem Diktator in dieser Situation vor allem darum, ein Exempel zu statuieren - und zwar gegenüber seinen eigenen Generälen. Diese hatten wichtige Entscheidungen getroffen, ohne Hitler zu konsultieren. Er fühlte sich persönlich übergangen und erteilte den Haltebefehl - aus Prinzip. Ein Vorgang, der womöglich kriegsentscheidend war.
Denn schon bald wendete sich das Blatt. Ab 1941 kämpften Briten, Amerikaner und Deutsche in Nordafrika gegeneinander. Zahlreiche deutsche Generäle und hohe Offiziere gerieten in Gefangenschaft. In Trent Park bei London, einem idyllisch gelegenen Herrensitz, wurden sie interniert - und ihre vertraulichen Gespräche untereinander vom britischen Geheimdienst abgehört. Bis vor kurzem waren die Dokumente streng geheim.
Jetzt geben die Gesprächsprotokolle auf einzigartige Weise Aufschluss darüber, was namhafte Militärs damals wirklich dachten, wie sie den Kriegsverlauf beurteilten und wie sehr sie selbst in Verbrechen verstrickt waren. Diese Protokolle werden in szenischen Rekonstruktionen authentisch umgesetzt. Die Akten belegen zugleich, dass sich die Wehrmacht an Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in ganz Europa ebenso mitschuldig machte wie am millionenfachen Tod von sowjetischen Kriegsgefangenen.
Auch über ihre Beteiligung am Holocaust redeten die Generäle erstaunlich freimütig. So General Dietrich von Choltitz, der als Stadtkommandant von Paris in Gefangenschaft geriet. Er gestand: "Der schwerste Auftrag, den ich je durchgeführt habe, ist die Liquidation der Juden. Ich habe diesen Auftrag allerdings auch bis zur letzten Konsequenz durchgeführt."

Der General gehörte freilich auch zur Minderheit deutscher Offiziere, die begannen, ihr Handeln kritisch zu hinterfragen: "Wir sind mitschuldig", erklärte er. "Wir haben ja mitgemacht. Ich habe meine Soldaten verführt, an diesen Mist zu glauben. Ich fühle mich auf das Äußerste beschämt!"
Doch die Mehrheit der Offiziere versuchte, die Verantwortung für die Mordtaten allein der SS anzulasten. Schon in Trent Park legten sie sich eine entsprechende Verteidigungslinie zurecht, wie etwa General Edwin Graf von Rothkirch: "Bei allem, was ich aussage, habe ich mir vorgenommen, es immer so zu drehen, dass das Offizierskorps reingewaschen wird. Rücksichtslos!"
Jahrzehntelang prägte das Bild von einer - im Gegensatz zur SS - "sauberen Wehrmacht" den öffentlichen Diskurs. So behaupteten beispielsweise viele ehemalige Soldaten, der berüchtigte "Kommissarbefehl", der die sofortige Erschießung der politischen Kommissare der Roten Armee verlangte, sei nur in Ausnahmefällen angewandt worden.
Tatsächlich erbringen namhafte Historiker im Verlauf dieser Reihe den Beweis, dass der Kommissarbefehl bei über 80 Prozent der deutschen Divisionen ausgeführt worden ist. Nach neueren Schätzungen waren zumindest fünf Prozent der Wehrmachtssoldaten unmittelbar an Verbrechen beteiligt. Das ergibt allein für die Ostfront eine Gesamtzahl von einer halben Million Mann. Das Gegenteil ist damit freilich ebenfalls belegt: Für fast 17 Millionen Mann trifft das nicht zu.
Was also war die Wehrmacht? Eine Truppe gehorsamer Ja-Sager? Eine mordende Verbrecherbande? Ein Millionenheer missbrauchter junger Männer? Keine dieser Annahmen spiegelt das ganze Bild wider. Die Reihe "Die Wehrmacht - Eine Bilanz" gibt schlüssige und differenzierte Antworten.