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Das kleine Fernsehspiel

 
halbwertszeiten. Quelle: ZDF
Mit der Errichtung des Bauzaunes, wurden die Auseinandersetzungen gewalttätiger.

Das kleine Fernsehspiel

"Halbwertszeiten"

Gibt es eine Halbwertszeit für politisches Engagement?

Vor 20 Jahren tobten bürgerkriegsähnliche Kämpfe um den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. "Aufruhr, Widerstand, keine WAA im Land!" Die Sprechchöre sind längst verhallt, die Transparente und andere Reliquien des Widerstandes verstaubt. Die Kinder der Aufruhrgeneration sind erwachsen geworden und der ehemalige Feind ist im Ruhestand.

 
 
 
 

Der Film "Halbwertszeiten" geht der Frage nach, was die Kontrahenten von damals bewegt hat und was sie heute bewegt. Tschernobyl hat die Welt physikalisch für Generationen verändert. Die Halbwertszeit radioaktiver Isotope ist berechenbar, aber wie sieht es mit den Veränderungen der Menschen durch den damaligen Widerstand aus?

 

Einender Protest

Die 23-jährige Irina Kosean stößt 2005 auf dem Dachboden ihrer Eltern auf alte Plakate, verstaubte CS-Gasschutzbrillen und einen Aktenordner voller Zeitungsartikel und Flugblätter. Sie stammen aus den Jahren 1982-89, als fast 900.000 Menschen gegen die im oberpfälzischen Wackersdorf geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage protestierten - ein Protest, der fast zum Sinnbild einer Zeit wurde.

 

Selber hat sie nur noch verschwommene Erinnerungen daran, wie ihr Vater an den Wochenenden "zum Bäume festhalten" fuhr oder sie als Vierjährige nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl auf Demos mitnahm.

 

Infobox

Montag, 27. November 2006, 01.00 Uhr

Dokumentarfilm Deutschland 2006, 79 Minuten
Buch und Regie: Irina Kosean
Kamera: Martin Noweck
Ton: Meike Birck
Schnitt: Irina Kosean, Julia Furch
Musik: Wolfgang Neumann
Produktion: Denkmal Film GmbH, Claus Strigel, im Auftrag des ZDF
Redaktion: Burkhard Althoff

Rückblick

Jetzt ist der Fund Anlass für sie nachzufragen: Wie sehen die einstigen Widerständler ihr damaliges Engagement? Gab und gibt es Unterschiede zwischen den seinerzeit direkt betroffenen Oberpfälzern und den hinzugereisten Protestlern? Wie leben beide Gruppen heute und was ist aus der Zeit des jahrelangen Widerstands geblieben?

 

Sie richtet ihren Blick aber auch auf ihre eigene, als unpolitisch geltende, Generation und auf die damals politisch verantwortlichen Befürworter der WAA. Auch hier interessiert sie: Gibt es eine Halbwertzeit für politisches Engagement?

 

Schlüsselerlebnis

Für die 75-jährige Irmgard Gietl aus Winkerling in der Oberpfalz sicher nicht. Ihre Welt war mit Kindern, Mann und eigenem Haus in Ordnung - bis die Wiederaufbereitungsanlage gebaut werden sollte. "Solche Sachen müssen einem erst vor die Haustür gesetzt werden, dann geht man selber, dann wird man wach."

 

Mit Reisen nach Sellafield und La Hague informierte sich die Hausfrau und wurde zu einer vehemente Gegnerin des Bauvorhabens. Dass die Anlage schließlich nicht entstand, schreibt sie auch dem eigenen Engagement zu. Nach diesem Sieg blieb sie politisch aktiv, ging in die SPD und setzt sich für Asylsuchende ein.

 

Law and order

Der damalige bayerische Innenminister Karl Hillermeier dagegen billigt noch heute nicht den Widerstand der Oberpfälzer. "Weil wir dem ganzen Raum etwas Gutes tun wollten", sei auch Franz Josef Strauß enttäuscht und verärgert gewesen. "Mit Recht!", wie Hillermeier betont. Auswärtige Demonstranten mit ideologischen Zielen hätten damals die Oberpfälzer Bevölkerung aufgewiegelt.

 

Als ein solcher Aufwiegler hätte bestimmt auch der Ex-Autonome Peter Jungfleisch gegolten. Jungfleisch stammt nicht aus der Oberpfalz, blieb aber nach dem Ende der Proteste dort. Berliner Punks mussten damals feststellen, dass eine "typisch alte bayerische Hausfrau ganz gut drauf ist und nicht so ne blöde Spießerin" - das war eine wichtige Erfahrung für ihn. "Es müsste ... regelmäßig Wackersdorfs geben, dass sich die Leute gegenseitig näher kommen." Eine "Armee der Resignierten" dagegen seien heute seine damaligen Mitstreiter. Dennoch bemüht Peter Jungfleisch sich um Aufarbeitung dieser Zeit und veranstaltet regelmäßig Erinnerungstreffen.

 

Schock und Enttäuschung

Auch Gert Wölfel ist als Auswärtiger in der Oberpfalz geblieben. Er sollte als Vorstand der Betreibergesellschaft DWK die Wiederaufbereitungsanlage in Betrieb nehmen. Der Schock und die Enttäuschung, als der Bau im April 1989 eingestellt wurde, waren für ihn riesig. "Ich werde mich zur Verfügung stellen, um aus dem Aus für die Gemeinde was Vernünftiges zu machen", war seine persönliche Konsequenz. Heute führt er stolz durch den Industriepark, der sich auf dem Gelände angesiedelt hat.

 

Ohne den Tod von Franz Josef Strauß wäre es nach Meinung von Josef Fischer aus Kölbldorf nie zum Baustopp gekommen. Der Hof des Landwirts ist seit Generationen in Familienbesitz und war in den Achtzigern Anlauf- und Schlafstätte für auswärtige Demonstranten. Überwachung durch die Polizei und Razzien waren die Folge. Heute engagiert sich Bauer Fischer in seiner Freizeit in einem Verein, der seit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl Hilfe für die Ukraine leistet.

 

Veränderte Ansprüche

Stefan Vogel fällt es nicht ganz leicht, seiner kleinen Tochter zu erklären, warum er in Lederkombi am Bauzaun kämpfte. Seinen damaligen Einsatz bewertet er noch heute als persönlich und politisch richtig. Jetzt lebt er mit seiner Familie in München und hat ein Geschäft mit Lampen für gehobene Ansprüche. Politisch engagiert sei er momentan nicht mehr. Doch dass es immer wieder zu Situationen kommen könne, in denen es notwendig sei, den Staat herauszufordern, davon ist er nach wie vor überzeugt.

 

Mole Hofmann ist zu jung, als dass er die Kämpfe um die Atomanlage noch bewusst miterlebt hätte. Für ihn ist sein Engagement für das Jugendzentrum in Burglengenfeld politische Arbeit. Es gebe dort zwar viele kleine Grüppchen, die gegen Studiengebühren, Neonazis oder Sozialabbau demonstrierten, aber keine große politische Linie. Die komplexen globalen Strukturen machten es heute schwerer, zu erkennen, wie man sich engagieren könne. Ein klar definierbares Feindbild wie zu Zeiten der WAA - Proteste - das gebe es eben nicht mehr.