Es gibt wohl kaum ein Thema, das in den vergangenen Jahren öffentlich so kontrovers diskutiert wurde, wie die Verbrechen der Wehrmacht. Mehr als 17 Millionen Männer gehörten ihr an - sie war ein Abbild der Gesellschaft. Praktisch jede deutsche Familie hat Soldaten in ihren Reihen gehabt. Dies erklärt die heftigen Reaktionen zur provokanten Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung: "War also auch 'Opa' ein Verbrecher"? fragten sich zahlreiche Deutsche erstmals.
Den deutschen Generälen jedenfalls dämmerte ihre Verantwortung häufig erst, als schon alles vorüber war. Im britischen Offiziers-Gefangenenlager Trent Park, nördlich von London, lassen die beiden deutschen Generalmajore Gerhard Fischer und Ludwig Heilmann im April 1945 ihre Erlebnisse an der Front noch einmal Revue passieren.
In ihrem vertraulichen Gespräch, dessen Wortlauf gleichwohl dank heimlich aufgezeichneter Abhörprotokolle überliefert ist, kommen die Offiziere auch auf Kriegsverbrechen der Wehrmacht zu sprechen. "Wir waren ja an der Front und sagten uns: 'Das geht uns ja nichts an, was die da hinten machen'", berichtet Heilmann. "Erst so allmählich ist alles durchgedrungen, was sie nun mit den vielen Gefangenen machen." Fischer ist außer sich vor Empörung: "Wir haben uns ja benommen wie die Wilden, nicht wie ein Kulturvolk."

Darauf Heilmann: "Für immer haben wir uns den Namen 'Hunnen' erworben." Deutsche Soldaten, vergleichbar einer Schar wild gewordener Hunnen? Die Wehrmacht als Armee von Tätern, die mordend durch Europa zogen? Oder handelte es sich bei den Verbrechen um bedauerliche Einzelfälle? Wurden die grausamsten Missetaten nicht von der SS verübt? Und haben sich im Krieg nicht alle Beteiligten etwas zuschulden kommen lassen?
Mehr als zehn Jahre nach der Wehrmachts-Ausstellung hat die Forschung eine Fülle neuer Erkenntnisse zusammengetragen, die ein sehr differenziertes Bild von der Verstrickung der Wehrmacht zeichnen. So ging etwa der Historiker Felix Römer daran, umfangreiche Quellenbestände auf die umstrittene Frage hin zu überprüfen, in welchem Ausmaß der sogenannte "Kommissarbefehl" tatsächlich zur Anwendung kam.
Diese Weisung der Wehrmachtführung verlangte rigoros, die sowjetischen Kommissare, "politische Soldaten" der Roten Armee, nach ihrer Gefangennahme zu erschießen. Römers - bisher unveröffentlichtes - Ergebnis: In über 80 Prozent der deutschen Divisionen sind Erschießungen von Kommissaren nachweisbar.
Zwar gab es auch Fälle, in denen Soldaten gefangengenommene Kommissare laufen ließen, oder Kompaniechefs vorgaben: "Jeder von euch muss das mit seinem Gewissen abmachen, wie er sich verhält." Am generellen Fazit lässt der aktuelle Forschungsstand indes keinen Zweifel mehr zu: Die Liste der Verbrechen der Wehrmacht ist lang - vor allem an der Ostfront.

Der Angriff auf die Sowjetunion, der Abermillionen Menschen das Leben kostete, war - in der Neuzeit beispiellos - vom ersten Tag an ein verbrecherischer Krieg. Im Osten erreichte die Totalisierung des Krieges und damit auch das Ausmaß an Kriegsverbrechen einen historischen Höhepunkt. An erster Stelle steht dabei zweifellos die Ermordung der Juden, in die auch die Wehrmacht vielerorts verstrickt war.
Eine hohe Verantwortung trug namentlich die Generalität. Wie Johannes Hürter in einer neuen Studie aufzeigt, haben die Oberbefehlshaber an der Ostfront ihren durchaus erheblichen Spielraum fast nie zur Eindämmung von Unrecht und Gewalt eingesetzt - im Gegenteil. 900.000 Männer, Frauen und Kinder, davon 500.000 im Operationsgebiet des Heeres, fielen dem Völkermord allein im ersten Jahr des Russlandfeldzugs zum Opfer.
Ein, wenngleich relativ geringer, Teil davon wurde direkt von Einheiten der Wehrmacht ermordet, insgesamt etwa 20.000 Menschen. In der überwiegenden Zahl der Fälle trat die Wehrmacht nicht als Täter auf, unterstützte jedoch vielfach den Holocaust, indem sie Mordkommandos logistische Hilfe gab, Absperrkommandos aufstellte, Anschläge druckte oder Wachposten abstellte.
"Eines Abends kam unser Zugführer zu uns", erinnert sich Bruno Menzel, damals Soldat in der 281. Sicherungsdivision, "und er sagte: 'Jungs, morgen haben wir eine schwere Aufgabe. Wer nicht mitmachen will, braucht nicht mitmachen!'" Das Bataillon sollte tags darauf an der Ermordung der Juden in dem weißrussischen Ort Krupki nördöstlich von Minsk, mitwirken. "Keiner hat sich gemeldet und gesagt: ,Ich mache nicht mit'", grämt Menzel sich heute. "Das galt ja gleich als Feigheit vor dem Feind. Keiner hat sich dem Befehl verweigert."

Auch wenn Soldaten nicht selbst beteiligt waren, so wussten sie doch häufig von der Ermordung der Juden in Russland. Eine Vielzahl von Zeugnissen belegt, dass sich die Kunde von den Geschehnissen im Hinterland der Front über Mundpropaganda in Windeseile verbreitete. "Mir selbst", vertraute Oberst Hans Reimann in Trent Park einem Kameraden an, "hat ein höherer Polizeibeamter in der Bahn erzählt, dass sie in Berdichev und in Shitomir Tausende von Juden und Frauen und Kinder totgeschossen haben. Er hat das so grausig und drastisch geschildert, dass ich in meinem Sack oben langte und eine Flasche Wodka herausholte."
Dennoch: Nicht alle wussten alles. So kannten selbst von den in Trent Park inhaftierten Offizieren höchstens zehn Prozent die Existenz von Vernichtungslagern. Unbestreitbar hat die Wehrmacht zahllose Verbrechen begangen. Doch nur ein Bruchteil der mehr als 17 Millionen Angehörigen war direkt beteiligt. Eine Kollektivschuld gibt es nicht.
Mit einer Vielzahl von Zeugenaussagen und zu ausführlich dokumentierten Einzelbeispielen mit wissenschaftlichen Belegen, Dokumenten und Filmaufnahmen liefert der Film eine erkenntnisreiche und abgewogene Bilanz zu einem Thema, das immer wieder Anlass zu hitzigen Debatten gibt.