Nach gut 28.000 Meilen und über neun Monaten auf See erreicht die Bounty am 26. Oktober 1788 Tahiti. Alle Fälle von Skorbut, die Schiffsarzt Huggan diagnostiziert hatte, sind bezeichnenderweise rasch geheilt. Man läuft schließlich nicht jeden Tag ins Paradies ein.
Die Bounty erreicht Tahiti kurz vor Beginn der Regenzeit. Im Gegensatz zu seinen Männern ist Bligh deshalb schon jetzt klar, dass ihnen volle fünf Monate im Paradies bevorstehen. Die Bounty soll mindestens 600 Schößlinge der Brotfruch in die Karibik bringen. Auf deren Wachstum muss Bligh warten. Und den Häuptlingen wird Bligh diplomatisch klarmachen müssen, dass sie die Pflanzen der englischen Krone zum Geschenk machen sollen.

23 Wochen wird die Bounty vor Tahiti ankern. Am Ende werden sich 39 Prozent der Besatzung mit Geschlechtskrankheiten infiziert haben - die höchste Rate, die je ein Schiff im Südpazifik verzeichnete. Nach fast zehn Monaten auf See fallen den Männern der Bounty die süßen Früchte in den Schoß. Statt Trockenbrot herrscht praller Überfluss. Und die Vahine, die Frauen Tahitis, entzücken die Besucher. Die ungekannte sexuelle Freiheit und das Inselleben werden zum süßen Gift für die britischen Seeleute. William Bligh dürfte der einzige aus der Bounty-Besatzung gewesen sein, der noch Gedanken vergeudete an das kalte Vereinigte Königreich.
Kadett Heywood legt ein Wörterbuch des Tahitianischen an, drei Männer desertieren, im Müßiggang lässt man sogar den Schiffs-Chronometer ablaufen. Im Logbuch schäumt Bligh über seine "nichtswürdigen Unteroffiziere", die sich tätowieren lassen, statt Wache zu schieben. Nicht nur Fletcher Christian entgleitet dem Einfluss seines Mentors Bligh. Nur Botaniker David Nelson bleibt seiner Mission treu. Immer mehr eingetopfte Pflanzen füllen das Baumschulzelt. Und auch Gärtner-Assistent William Brown blüht auf. In England als Narbengesicht verhöhnt, wird er hier genau dafür begehrt: Narben gelten auf Tahiti als Zeichen von Mut und Männlichkeit.
"Im Südpazifik gab es immer Desertationen. Auf jedem Schiff - besonders vor Tahiti. Tahiti war die Insel der freien Liebe, die Leute waren sehr gastfreundlich, es war ein exzellentes Klima - aber das galt für alle Schiffe. Trotzdem gab es keine Meuterei auf jedem dieser Schiffe."

Am 4. April 1789 nimmt die Besatzung der Bounty Abschied von Tahiti. Die Männer lassen Freunde, Geliebte und ungeborene Kinder zurück. Es ist die Vertreibung aus dem Garten Eden. Nur Bligh notiert mit leisem Stolz in sein Logbuch: "Bisher habe ich das Ziel meiner Reise erreicht." Um die Katastrophe, die wenig später einbrechen sollte, zu erklären, haben Wissenschaftler verblüffende Theorien aufgestellt: Zu Beginn einer Beziehung spiele das Bindungshormon Oxytocin im Gehirn verrückt. Frisch Verliebte seien wie auf Drogen. Und auch die "Entzugserscheinungen" seien vergleichbar.