Lebensberatung mit Hilfe der Astrologie per Telefon? Können selbsternannte Experten wirklich weiterhelfen oder ist das alles Unfug? ZDFonline ließ sich die Karten legen.
Die wirklich wichtigen Fragen mein Leben betreffend - Beruf, Partnerschaft oder Gesundheit - kläre ich eigentlich am liebsten mit mir selber. Rat hole ich mir höchstens bei guten Freunden oder Verwandten - oder eben bei einem Arzt, wenn es um die Gesundheit geht. Mit Esoterik habe ich nichts am Hut, Astrologie interessiert mich nicht. Was mir die selbsternannten Lebensberater am Telefon mitgeben möchten, interessiert mich aber schon. Ich mache den Test.
Nach dem Zufallsprinzip klicke ich auf eine Seite für Telefonberatung: Ich wähle die angegebene Nummer. "Nach dem Signal kostet sie das Gespräch 1,94 Euro pro Minute", teilt mir eine Stimme von Band mit. Immerhin wird man noch mal vorgewarnt. Ich erwarte eine längere Warteschleife oder ein Frage-Procedere, ehe man mich zu einer Beraterin verbindet, werde aber positiv überrascht: Eine nette Dame fragt mich, welche Art der Beratung ich in Anspruch nehmen möchte. "Beruflich", antworte ich.
Nach wenigen Sekunden meldet sich Sarinha, die sehr sympathisch klingt. Ich erkläre ihr, dass das mein erstes Gespräch dieser Art sei und ich nicht so recht wisse, wie das funktioniere. "Sie hatten doch bestimmt gewisse Fragen im Kopf, bevor sie angerufen haben", meint Sarinha. "Klar, ich stehe beruflich vor der Möglichkeit, den Arbeitgeber zu wechseln und weiß nicht, ob ich es tun sollte", lüge ich. Zuerst muss ich Sarinha meinen Vornamen, Geburtsdatum und Geburtsort nennen. Sie fragt, ob sie mich duzen dürfe. Nun legt Sarinha mir Tarot-Karten, zumindest behauptet sie das und ich kann das Geräusch von Karten vernehmen, die auf einem Tisch verteilt werden. Ich soll irgendwann "Stopp" sagen.
Es dauert nur wenige Sekunden und schon beginnt Sarinha mit ihrer Prognose: "Du scheinst dich in deinem aktuellen beruflichen Umfeld nicht wohl zu fühlen", behauptet sie. Sarinha redet klar und verständlich, aber nicht übertrieben langsam. "Wenn bei dir beruflich ein Wechsel stattfindet, dann Ende April, Anfang Mai. Da sehe ich dann eine Chance, die sich auftut", erklärt Sarinha. Es könne sich vieles klären lassen, was derzeit störe. Dieses Jahr sei ein gutes Jahr für einen Wechsel, im vergangenen Jahr hätte sie mir noch davon abgeraten. "Und im April ist die beste Zeit dafür. Nein, doch schon im März", sagt sie. Sie habe vorher versehentlich bei den Liebeskarten geguckt. Will mich Sarinha etwa anstiften, Liebesdinge zu erfragen? Ich lasse mich nicht darauf ein, stelle aber auch keine Fragen. Trotzdem redet sie weiter. "Ich sehe den König der Schwerter", so Sarinha. Das könne bedeuten, dass jemand auf mich zukomme, der mir den Wechsel der Arbeitsstelle regelrecht empfehle.
"Wie komme ich finanziell bei der Sache weg?", will ich wissen. "Da kann ich natürlich keine genauen Angaben machen", erwidert Sarinha. Aber da der Mars im sechsten Haus stehe, was Kraft, Motivation und Erfolg bedeute, sei eine finanzielle Verbesserung wahrscheinlich. Dann empfiehlt mir die Dame noch, dass ich mich selbstständig machen soll. Ich hatte ihr gesagt, ich sei Bürokaufmann und versuche nun einzuwenden, dass das in meinem Beruf doch wohl eher unüblich sei. "Das sehe ich anders. Du wirst das ganz bestimmt irgendwann tun", entgegnet Sarinha. Vorher steige ich auf der Karriereleiter aber noch nach oben. "Manche definieren sich über ihr Hobby oder über ihre Partnerschaft. Bei dir steht der Beruf im Vordergrund. Der Erfolg wird immer da sein", behauptet sie.
Ungefragt wechselt Sarinha das Thema: "Probleme sehe ich eher im gesundheitlichen Bereich." Ich müsse seelischem Druck standhalten und könne in den mittleren Jahren, zwischen 30 und 40 (ich sagte ihr, ich sei 28) in Melancholie verfallen. Ich solle mir deshalb nicht zu viel aufladen lassen, Stress nicht so an mich ranlassen, Freundschaften pflegen und nicht immer nur in eine Richtung gehen.

Nach 15 Minuten Gespräch bedanke und verabschiede ich mich von Sarinha. Meine Erkenntnisse: Ich werde bald den Arbeitgeber wechseln, beruflich aufsteigen, erfolgreich und irgendwann selbstständig sein. Aber zwischen 30 und 40 wohl an Depressionen leiden, wenn ich nicht aufpasse. Ich muss ehrlich zugeben, dass das Gespräch gar nicht uninteressant war. Aber ob ich mich auf die Aussagen der Beraterin verlassen würde, wenn es um etwas so Wichtiges wie meine berufliche Zukunft geht? Und ob mir das Gespräch 29,10 Euro wert war? Sicher nicht! Was mir bei meinem Selbstversuch aber am sauersten aufgestoßen ist: Obwohl ich nur wenige Zwischenfragen stellte und meine Kernfrage, beruflicher Wechsel ja oder nein, eigentlich nach zwei Minuten abgehandelt war, hielt mich die Dame eine Viertelstunde in der Leitung. Und ich hatte definitiv das Gefühl, dass das gewollt war.
Vielleicht behält Sarinha in einem Recht: Wenn mein Arbeitgeber erfährt, dass ich fast 30 Euro für eine Telefonberatung ausgegeben habe, wird sich beruflich sicher was bei mir ändern - aber schon vor März. Nach der Kündigung könnte ich mich ja dann selbstständig machen.