Hauptnavigation:

Sie sind hier:

 

Unsere Geschichte

 
Jubelnde DDR-Flüchtlinge in Prag. Quelle: ap
Sie dürfen nach Westen: DDR-Bürger in der Prager Botschaft.

Unsere Geschichte

Die Prager Botschaft

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen..."

Zu tausenden drängen ostdeutsche "Urlauber" im Sommer 1989 über Ungarn nach Österreich. Ein Flüchtlingsstrom, fast schon eine Völkerwanderung. Doch was ist mit den DDR-Bürgern, die für Ungarn kein Visum bekommen haben, die Urlaub machen in Polen oder der Tschechoslowakei? Auch sie flüchten: in die bundesdeutschen Botschaften

 
 
DDR-Bürger in deutscher Botschaft in Prag. Quelle: dpa
dpa
Das übervölkerte Gelände der Botschaft

Ende September warten 6000 Ostdeutsche in Prag und 1500 in Warschau auf ihre Ausreise. Viele verbringen die Nächte dicht zusammengedrängt auf den Treppenstufen oder im Garten. Vor den Toiletten muss man stundenlang anstehen, die wenigen Duschen reichen nicht. Der Garten ist nicht wieder zu erkennen, es stinkt nach Urin und Müll. Die medizinischen und hygienischen Zustände sind katastrophal.

Fieberhaft arbeitet die Bonner Regierung an einer Lösung. Am 26. September verlassen 300 DDR-Bürger die Prager Botschaft, nachdem ihnen DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel die Ausreise innerhalb von sechs Monaten zugesichert hat. Die meisten aber bleiben. Am Rande der UN-Vollversammlung am 29. September in New York erhält Außenminister Genscher von Eduard Schewardnadse endlich die Zusage: Moskau will mit der DDR-Führung in Verbindung treten und auf eine schnelle Lösung der Botschaftsbesetzungen hinarbeiten.

 
Genscher verkündet Ausreise. Quelle: ap
ap
Bundesaußenminister Genscher teilt den DDR-Bürgern in der Prager Botschaft mit, dass sie ausreisen dürfen.

Genscher in Prag

Einen Tag später, am 30. September 1989, ist es soweit. Kurz vor 19.00 Uhr verkündet Hans-Dietrich Genscher vom Balkon des Palais Lobkowitz die Ausreise der Flüchtlinge aus Prag und Warschau. Unvergessen ist seine Ansprache: "Wir sind gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise..." Weiter kommt er nicht. Seine Worte gehen im Jubel der Wartenden unter. Es sollte einer der bewegendsten Momente im Leben von Hans-Dietrich Genscher werden.

Offiziell werden die Flüchtlinge aus "humanitären Gründen" in den Westen abgeschoben. Doch damit ist die Gefahr noch nicht vorbei. Vor der Botschaft spitzt sich die Lage am 1. Oktober zu. Hunderte Ostdeutsche haben sich wieder vor der bundesdeutschen Vertretung versammelt. Es droht eine offene Konfrontation mit den tschechischen Polizeikräften, die die Botschaft hermetisch abgeriegelt haben. Dramatische Szenen spielen sich ab, als die Sicherheitskräfte rücksichtslos gegen Botschaftsflüchtlinge vorgehen.

Botschafts-Flüchtlinge klettern über Zaun. Quelle: dpa
dpa
Flüchtlinge klettern über den Zaun der Botschaft.

Sonderzug in den Westen

Bis zum 3. Oktober wächst die Zahl der Flüchtlinge erneut auf 7000 Menschen an. Schließlich genehmigt die tschechische Regierung ihre Ausreise in den Westen, auch Ost-Berlin stimmt zu: Bei den bevorstehenden Feiern zum 40-jährigen Bestehen der DDR kann man die beschämenden Bilder nicht gebrauchen.

Allerdings besteht die DDR darauf, dass die Flüchtlinge nicht direkt von Prag in den Westen reisen, sondern den Umweg über Dresden und Karl-Marx-Stadt nehmen: Die Ausreise erfolgt damit über das Territorium der DDR. Vermutlich will man so die staatliche Souveränität unter Beweis stellen. Der erste verriegelte Sonderzug der ostdeutschen Reichsbahn verläßt am Morgen des 1. Oktober Prag.

Herzliche Begrüßung DDR-Bürger. Quelle: sven simon
sven simon
Begrüßung der DDR-Bürger im Westen

DDR schließt Grenze

Vor dem Grenzübertritt betreten überraschend Mitarbeiter der Staatssicherheit die Abteile und sammeln die Ausweise der Passagiere ein. Hans Modrow, damals Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung in Dresden, gewährleistet die ungehinderte Durchfahrt der Züge. Im Westen werden die Flüchtlinge an den Bahnsteigen beigeistert begrüßt.

Es sind gerade die Jungen und Gebildeten, die der DDR den Rücken kehren. Um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, unterbindet die DDR am 3. Oktober den visafreien Verkehr in die Tschechoslowakei. Reisende in Richtung CSSR oder Ungarn werden zur Umkehr gezwungen. Das aber sorgt für weitere Verunsicherung bei den Ausreisewilligen daheim.

 

Unruhen in Dresden

Am 4. Oktober eskaliert die Lage. Am Dresdner Hauptbahnhof versuchen tausende, auf die Sonderzüge gen Westen aufzuspringen. Sie sehen in den Zügen die letzte Chance, das Land zu verlassen. Noch einmal schlägt die Staatsmacht brutal zu: Über 1000 Personen werden festgenommen. Die Volkspolizei räumt den gesamten Bahnhof.

 

Ab 3. November dürfen DDR-Bürger dann wieder offiziell in die Tschechoslowakei einreisen. Noch am selben Tag kommt es erneut zur Massenflucht in die bundesdeutsche Botschaft. Am 4. November öffnet die CSSR ihre Grenzen zur Bundesrepublik: Der Weg in den Westen ist für alle DDR-Bürger frei.

 
 
  • del.icio.us
  • digg
  • facebook
  • twitter
  • myspace
  • mrwong
  • webnews
  • yigg