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ZDF.reportage

 
sonntags, 18.00 Uhr
Natalija Maisinger zeigt ZDF.reporter Philipp Müller ihre Bewerbungen. Quelle: ZDF
Natalija Maisinger zeigt ZDF.reporter Philipp Müller ihre Bewerbungen.

Hartz-Haus: Die Aussiedler

Aussiedler aus Sibirien

Mit 50 zu alt für den Arbeitsmarkt?

Philipp Müller

Das Hartz-Haus sammelt persönliche Geschichten aus der Gießener Nordstadt. Alle Menschen sind in irgendeiner Art von Hartz IV betroffen. Das russlanddeutsche Ehepaar Maisinger würde gern arbeiten - doch ihr Alter und die mangelnden Sprachkenntnisse stehen ihnen im Weg.

 
 
 
 

Natalija Maisinger sitzt an ihrem Küchentisch, um sie herum mehrere Bewerbungsschreiben. Die will sie heute noch verschicken, denn sie sucht dringend Arbeit. "Ich arbeite sauber und sehr gewissenhaft. Ich bin fleißig und habe kein Problem mit Schichtarbeit", steht in ihren Bewerbungen. Geschrieben hat die Briefe ihr Sohn. Natalijas Deutschkenntnisse sind derzeit ihr größtes Problem.

Zitat

„Ich arbeite sauber und sehr gewissenhaft. Ich bin fleißig und habe kein Problem mit Schichtarbeit“

Aus der Bewerbung von Natalija Maisinger

28 Jahre hat Natalija Maisinger als Laborantin gearbeitet, allerdings in Sibirien. Vor zweieinhalb Jahren ist sie mit ihrem Mann Konstantin nach Deutschland ausgewandert. Beide haben deutsche Eltern und Großeltern, die neue Zukunft war damit kein Problem. Jetzt bewirbt sich Natalija in Gießen als Putzfrau. Sie will Arbeit - egal, welche. Als 52-Jährige mit geringen Deutsch-Kenntnissen hat sie keine Wahl. Das musste Natalija mittlerweile erkennen.

 

Bessere Zukunft in Deutschland

In Sibirien hatten die Maisingers eine gute Arbeit, ein Haus und einen großen Garten. Aber sie hatten Angst um ihre beiden Söhne. Hier in Deutschland glaubten sie ihnen eine bessere Zukunft bieten zu können. "Zu Hause gab es zu viel Kriminalität und Drogen. In Deutschland geht es unseren Kindern besser", ist Natalija überzeugt.

 

Tatsächlich haben sich die beiden Söhne von Natalija und Konstantin gut eingelebt. Der Ältere, 31 Jahre alt, ist verheiratet und arbeitet in einem Autohaus. Der fünf Jahre jüngere Dimitri lernt Deutsch an der Volkshochschule, damit er sein Pädagogikstudium fortsetzen kann. "Für unsere Kinder ist Deutschland ein Glück", sagt Vater Maisinger. Nur für die Eltern, die beide über fünfzig sind, scheint es keine Verwendung in Deutschland zu geben.

 

"Du bist zu alt"

Konstantin Maisinger durfte in Deutschland erst ein Mal arbeiten. Ein Jahr lang reparierte er in der Gießener 'Jugendwerkstatt' alte Möbel. Es war ein Job in einer Beschäftigungsgesellschaft ohne Anschlussvertrag. Der 54-jährige bekam danach nur noch ein vierwöchiges Praktikum als Baggerführer, seinem eigentlichen Beruf in Sibirien. Das war es. "'Du bist zu alt', haben sie mir gesagt."

Von seiner Anstellung ist Konstantin Maisinger die Arbeitslosenhilfe in Höhe von 502 Euro geblieben. Zusammen mit der Sozialhilfe seiner Frau lebt das Ehepaar von rund 930 Euro im Monat. Mit ALG II ändert sich nicht viel für das Paar. Das wenige Geld macht ihnen ohnehin nicht viel aus. Dass sie nichts zu tun haben und ständig zu Hause sitzen, ist weitaus schlimmer für sie.

 

Kleidersortieren als Beschäftigung

"Wir möchten uns doch in Deutschland integrieren und die Sprache besser lernen", sagt Natalija. Deswegen sortiert die 52-Jährige zwei Mal pro Woche für ein paar Stunden in der Woche beim Roten Kreuz Kleider. Geld bekommt sie dafür nicht, aber immerhin die ersehnte Beschäftigung.

Sonja Gruber, die die Schichten der ehrenamtlichen Helfer beim Roten Kreuz koordiniert, erklärt, dass sie fast schon zu wenig zu tun hat für die vielen Freiwilligen. "Manchmal muss ich die Frauen bremsen, da alle so viel wie möglich arbeiten wollen." Die meisten der 35 freiwilligen Helferinnen der Kleiderkammer sind über fünfzig und finden keine feste Arbeit mehr.

 

Deutsch sein ist ein hohes Gut

Ihre Auswanderung nach Deutschland haben die Maisingers trotzdem nicht bereut: "Hier ist alles so sauber und ordentlich, das gefällt uns", sagen sie. Deutsch sein ist für sie ein hohes Gut, die Sprache zu beherrschen ihr Ziel. "Wer nicht deutsch lernen will, kann zurück nach Sibiren gehen", meint Konstantin Maisinger und fügt hinzu: "Ich bleibe."

 
 
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