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Dokumentation

 
 Quelle: ZDF
Der Atom-Eisbrecher "Jamal" im Treibeis der Kara-See weit nördlich des Polarkreises

Die Straße
der Eisberge

Mit Dirk Sager auf
der Nord-Ost-Passage

Dirk Sager

Der nördliche Seeweg ist ein alter russischer Traum, der, als er der Verwirklichung nahe schien, begraben wurde. Mit dem Ende der Sowjetunion erlahmte die Kraft des Riesenreiches. Es fehlte an Geld, die Flotte der Atom-Eisbrecher zu betreiben. Die Menschen flüchteten aus den nördlichen Hafenstädten, weil die Regierung ihre Versorgung nicht mehr aufrechterhalten konnte. Und auch die Kriegsmarine musste ihre ehrgeizigen Pläne zur Seite legen. Seitdem aber im Norden neue Erdölfelder entdeckt wurden, lebt der Mythos vom Sieg über Sturm, Eis und Frost wieder auf.

 
 
 
 

Für den ersten Teil des außenpolitischen Sommerschwerpunktes 2003 haben Dirk Sager, Moskau-Korrespondent des ZDF, und sein Kameramann Slawa Jefimow die 9000 Kilometer lange Küsten am Polarmeer bereist.

 

Infobox

Sendetermin Teil 1:

Donnerstag, 7. August 2003, 22:15 Uhr

 

Die ersten, die sich in den Meeren des Nordens aufs Wasser wagten, waren Fischer. Später fuhren Händler in kleinen Booten von einer Flussmündung zu nächsten. Die große Herausforderung aber erkannte schon Peter der Große: der Seeweg von der Barents-See zum Pazifik. Ihn zu erforschen entsandte der Zar eine Expedition. Sie kämpfte sich über Tausende von Kilometern durch Kälte und Packeis und scheiterte doch auf den letzten Seemeilen.

 

Geschichte des Eroberungswillens

Die Geschichte des nördlichen Seeweges ist eine Geschichte des Aufbäumens menschlichen Eroberungswillens und des Scheiterns angesichts einer Natur, die sich von ihrer widrigsten Seite zeigt. Expeditionen, die spurlos im Eis verschwanden oder von denen nur eine Handvoll Männer den Weg zurück in die Zivilisation fanden.

 

Noch 1912, als die Schiffe schon stark gepanzert und Dampf betrieben sich einen Weg durchs Eis brechen konnten, erwiesen sich die Kräfte des Nordens als stärker. Zwei Jahre driftete ein Dampfer, eingeschlossen in einem Eisfeld, durchs Polarmeer. Nur zwei von der Mannschaft überlebten. Der nördliche Seeweg, das war der Traum, eine Reise von Monaten auf Wochen zu verkürzen. Für Russland hatte das nicht nur wirtschaftliche Bedeutung.

 
 Quelle: ZDF
ZDF
Die Küste an der Beringstraße im fernen Osten Russlands - seit Jahrhunderten war sie das Ziel derer, die aufgebrochen waren, um die Nord-Ost-Passage zu entdecken

 

Traumatisch ist die Erinnerung an die Seeschlacht bei Tsuchima, wo 1905 die russische Flotte, nachdem sie in einer erschöpfenden Reise aus der Ostsee rund um Afrika bis vor Japans Küste gekommen war, in einer Stunde versenkt wurde. Die Meere des Nordens sollten Russland und später der Sowjetunion mehr Handlungsfreiheit geben. Heute brechen die Atom-Eisbrecher ein Fahrwasser für Frachter auf dem Weg von Murmansk nach Dudinka, eine Hafenstadt an der Mündung des Jennesseij, etwa auf der Hälfte des Weges zum Pazifik.

 

Immer noch ein Abenteuer

Auch dieser mit allen technischen Mitteln der Gegenwart gestützte Kurs ist noch Abenteuer genug. In Minuten schlägt das Wetter um, treibt der Sturm mächtige Eisfelder zusammen, peitschen schneebeladene Böen gegen das Schiff.

 Quelle: ZDF
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Der Frachter "Sevmorput" transportiert Platin, Palladium und Kobald

Die "Sevmorput" ist ein atombetriebener Spezialfrachter mit verstärkter Bordwand, der Palladium und andere kostbare Metalle aus Sibirien nach Murmansk bringen soll. In solchen Situationen verlässt Kapitän Oreschko, ein Veteran der polaren Meere, die Brücke für keinen Moment. Es gilt nicht nur das Schiff vor Schaden zu bewahren, sondern auch den Atom-Reaktor unter Kontrolle zu halten, der das Schiff mit 40.000 PS vorantreibt. Die einzigen, für die diese Welt geschaffen erscheint, sind die Eisbären, die mit erkennbarem Interesse den Konvoi betrachten.

 

Verödet und Verloren

Östlich von Dudinka treffen die Reisenden auf eine verlassene Küste, die Häfen verödet und verloren. Nur selten fährt noch im gelegentlich eisfreien August ein Schiff entlang der östlichen Küste. Und auch in Tschukotka im Fernen Osten, jener in Nachbarschaft zu Alaska gelegenen großen Halbinsel, ist die russische Bevölkerung im Rückzug. Es bleiben die Tschucktschen, die Urbevölkerung, die sich auf alte Lebensformen besinnen, die ihnen in Zeiten der Sowjetunion verboten waren. Ein Paar Goldsucher sind noch geblieben. Und die baufälligen Reste des Gulag erinnern daran, dass auch dieser verlorene und unerschlossene Teil der Sowjetunion missbraucht wurde, um Menschen zu Tode zu quälen.

 
 Quelle: ZDF
ZDF
Drei Generationen aus einer Familie der Tschucktschen

 

Weit nördlich des Polarkreises sind Menschen, die reisen wollen, nicht vorgesehen. In der Nähe von Siedlungen helfen schwere LKW vom Typ "Ural", deren mannshohe Reifen auf allen Achsen betrieben werden. Auf weiteren Strecken bleibt nur der Luftweg - Hubschrauber, deren bessere Tage zwanzig oder dreißig Jahre zurückliegen und deren Betreiber zu wenig Verdienst erwirtschaften, als dass sie sich Ersatzteile leisten könnten.

Was versöhnt auf solchen Wegen, ist die unfassbare Schönheit arktischer Natur, über die sich ein Himmel wölbt, der wie eine Fata Morgana mit betörenden Farben lockt. Und dann sind es die Menschen, die diesem schweren Leben trotzen, deren Herz so groß ist, dass man bei ihnen wie daheim ist.