Vergangenes Jahr hat Noël Martin angekündigt, seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich an seinem 48. Geburtstag, am 23. Juli 2007 bei der schweizerischen Sterbehilfeorganisation "Dignitas" das Leben zu nehmen. Seine Lebensgeschichte hat der gebürtige Jamaikaner in einem Buch erzählt. Christhard Läpple besuchte ihn zu einem Gespräch in Birmingham.
aspekte: Der Angriff auf Sie am 16. Juni 1996 in Mahlow - war das Schicksal?
Noël Martin: Ja, das war Schicksal, denn ich wusste schon zwei Jahre vorher, was passieren würde. Ich hatte davon geträumt. Als ich nach Deutschland kam, traf ich ein paar Jungs aus London. Sie wollten mich mitnehmen in einen Club. Ich habe ihnen von meinem Traum erzählt, sie haben gelacht. Als wir aus der U-Bahn kamen, sagte ich: "Hey, das ist das Gebäude, von dem ich geträumt habe." Die Jungs sagten: "Das ist der Club." Ich war dort nie zuvor gewesen. Aber ich hatte geträumt, dass man mich angreifen würde, wenn wir den Club verlassen. Genau so ist es passiert.
aspekte: Denken Sie heute noch oft an diesen Tag zurück oder versuchen Sie, das alles zu verdrängen?
Noël Martin: Oh ja, natürlich, ich denke jeden Tag daran. Aber ich konzentriere mich darauf, jeden Tag für meine Existenz zu kämpfen und die Probleme zu ertragen, die ich durchleben muss.
aspekte: Was sind Ihre Gefühle den Tätern gegenüber? Die waren damals 17 Jahre alt. Sie haben Sie "Nigger" genannt.
Noël Martin: Daran bin ich gewöhnt. Vielleicht hätte es mich verletzt, wenn sie etwas anderes gesagt hätten. Seit ich hier lebe, werde ich mit "Nigger" und "Schwarzer Affe" beschimpft. Die Worte tun nicht weh - es ist die Gewalt, die Menschen verletzt.
aspekte: Die Täter wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. War Ihnen diese Strafe genug?
Noël Martin: Die Strafe hätte nicht hoch genug sein können. Aber wird ihnen die Strafe etwas beibringen? Ich weiß nicht. Sie haben fünf Jahre bekommen - ich ein Leben im Rollstuhl. Ich glaube nicht, dass Gefängnis wirklich etwas bewirkt.
aspekte: Sie sitzen nun seit 11 Jahren im Rollstuhl, sind von der Hilfe anderer Menschen abhängig ...
Noël Martin: Ja, die ganze Zeit. Es ist erniedrigend, raubt Dir Deine Würde, Privatsphäre, Dein Leben. Es raubt auch das Leben Deiner Freunde und Familie. Ich kann nichts Privates machen. Ich kann nicht aufstehen und etwas verstecken. Ich kann keine Geheimnisse haben. Nichts. Mein Leben ist ein offenes Buch. Neun Pflegekräfte kümmern sich um mich. Sie gehen nach Hause und erzählen ihren Familien und Freunden von mir - obwohl sie damit die Schweigepflicht verletzen. Man muss also sehr stark sein ...
von Noël Martin
von Loeper Literaturverlag
250 Seiten
ISBN 978-3-86059-332-5
Preis: 19,90 Euro
aspekte: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Noël Martin: Mein Plan ist es, in die Schweiz [zu "Dignitas", Anm. d. Red.] zu fahren. Zurzeit geht es mir nicht gut. Vor Weihnachten habe ich eine Menge Blut verloren. Seitdem hatte ich zwei große Operationen. Ich komme kaum aus dem Bett. Das ist kein Leben - das ist bloße Existenz. Niemand will dahinvegetieren. Wir wollen alle am Leben teilhaben. Mir ist das nicht möglich.
aspekte: Glauben Sie nicht, dass Sie eine Verantwortung für Ihren Sohn Negus oder für Ihre Stiftung haben?
Noël Martin: Mein Sohn trägt eine große Last. Er ist erwachsen. Er wird Vater. Er sollte das Leben kennen, mit 29 Jahren. Er sollte seine eigenen Gefühle haben. Was meine Stiftung betrifft, habe ich getan, soviel ich tun konnte. Nicht, dass ich alles getan hätte - man kann noch viel verbessern.
aspekte: Die Entscheidung, in die Schweiz zu fahren, um dort zu sterben - ist das ein persönlicher Schritt oder eine politische Botschaft?
Noël Martin: Das ist eine persönliche Sache. Es ist der Schmerz, der mich dazu treibt. Wie viel Schmerz kann ich jeden Tag ertragen? Ich bin kein Stein. Ich habe eine bestimmte Reserve an Kraft, die ich aufbrauchen kann. Danach wird es hart. Die Leute können nicht verstehen, wie viele Schmerzen ich ertragen muss. Die Pflegekräfte verstehen es. Sie stehen die ganze Prozedur jeden Morgen mit mir durch. Sie fragen mich, wie ich das ertragen kann, sie würden schon beim Zugucken sterben. Aber ich rappele mich immer wieder auf. Ich bin derjenige, der jeden Morgen singt, lächelt und Witze macht. Aber ich kann das nur für eine gewisse Zeit. Ich kann nicht ewig so weiter machen.
aspekte: Die deutschen Rechtsextremen schreiben in Internetforen, Ihr geplanter Selbstmord in der Schweiz sei nur ein "PR-Gag". Einer schreibt: 'Wozu eigentlich die Mühe? Gibt es in England keine Klippen, oder Abhänge...?'. Was denken Sie über solche Meinungen?

Noël Martin: Ich kann diese Meinungen nicht ernst nehmen, denn die können ja Richtig und Falsch nicht unterscheiden. Sonst würden sie nicht ohne Grund andere Menschen hassen. Einfach eines Tages aufzustehen und zu sagen "Ich hasse Schwarze. Ich hasse Juden" - ohne, dass sie einem jemals begegnet wären ... Man sollte deren Äußerungen nicht beachten.
aspekte: Ich weiß, dass Sie Bob Dylan sehr gerne mögen. Es gibt einen Song von ihm, der lautet "Knocking on heaven´s door".
Noël Martin: Ja, das ist ein starker Song. Bob Dylan selbst ist ein starker Mann. Aber mein Lieblingssong ist der, den er über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung geschrieben hat: "Wie oft muss man einen Menschen niederschlagen, bevor man ihn einen Mann nennt." Verstehen Sie? "Die Antwort, mein Freund, kennt ganz allein der Wind."
aspekte: Gibt es noch irgendeine Chance, dass Sie ihren Plan, in die Schweiz zu fahren, ändern?
Noël Martin: Mein Plan hat sich ein bisschen geändert. Vor meinem Tod soll geklärt sein, dass mein Haus und mein ganzer Besitz in eine Stiftung fließen. Aber meine Anwälte haben das nicht hingekriegt, sie haben die falschen Formulare ausgefüllt. Es dauert drei Monate, bis eine Stiftung genehmigt ist. Deshalb habe ich einen Schritt zurück gemacht. Ich kann nicht gehen, bevor das geklärt ist. Solange könnte ich zum Beispiel einen Austausch zwischen deutschen und britischen Kindern organisieren.
aspekte: Vielen Dank für dieses Gespräch. Ich wünsche Ihrem Buch viele Leser.
Noël Martin: Ich bitte die Leute, das Buch zu kaufen. Versuchen Sie, zu verstehen. Vor allem die, die glauben, dass ich nicht richtig ticke, oder dass mein Selbstmord Sünde ist.
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