Seit mehr als 1000 Jahren zieht es Pilger auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela, aber erst die modernen Verkehrsmittel und der Tourismus haben den Weg zu einem erreichbaren Ziel für viele gemacht. Seit 20 Jahren erlebt der "Camino" den größten Pilgeransturm in seiner Geschichte.
Ursprünglich war der Weg nach Santiago de Compostela eine alte Römerstraße, auf der Bodenschätze vom Westen in Richtung Gallien und Italien transportiert wurden. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurden diese und andere Straßen aus militärischen Gründen erneuert. Eine Urkunde aus einer mittelalterlichen Herberge aus dem Jahr 1047 nennt die alte nordspanische Hauptverkehrsachse als "Weg, der seit alten Zeiten von Pilgern des Heiligen Jakobus begangen" wird. Es ist die erste Erwähnung des Jakobsweges. Bis ins 15. Jahrhundert kamen bis zu Hunderttausend Pilger jährlich nach Compostela.

Dann kam eine Zeit der Krise. Martin Luther, der prominenteste Kritiker der Pilgerfahrt, zweifelte nicht nur an der Echtheit der leiblichen Überreste des Apostels und damit an der Echtheit des Jakobusgrabes, er kritisierte auch Missstände und Auswüchse unter den Jakobs- und Muschelbrüdern, die sich zum Teil nur als solche ausgaben, um die Vorzüge des Pilgerstandes zu genießen wie freie Unterkunft und Verpflegung. Nicht beim Pilgern, sondern nur in der Heiligen Schrift sei die Begegnung mit Gott möglich, fasst Luther seine Kritik am Jakobsweg zusammen, die zugleich eine Kritik an der Heiligenverehrung und jeglichem Reliquienkult ist.
Aus dem Massenphänomen wurde eine Randerscheinung, was allerdings auch an den Rahmenbedingungen lag - die Reise war vielen zu gefährlich geworden. Vier Deutsche, die 1559 Santiago besuchten, wurden zum Beispiel von der Inquisition festgenommen, weil sie nicht gebeichtet hatten - man hielt sie für Protestanten. Reformation, Inquisition, Bürgerkrieg in Frankreich und die zunehmende Kriminalität schreckten viele Pilger ab. Erst im 20. Jahrhundert erlebte der Jakobsweg einen neuen Aufschwung.

1986 wurde Spanien Mitglied der Europäischen Gemeinschaft und der Jakobsweg neu entdeckt als Weg der europäischen Integration. Spanische Europa-Politiker betrachteten den Jakobsweg als historisch-kulturellen Beitrag Spaniens zu Europa. Mit europäischen Zuschüssen wurde der Weg saniert und modernisiert. Zur gleichen Zeit gründeten sich Organisationen, die sich für die Anliegen der immer zahlreicheren Pilger einsetzten, 1987 beispielsweise die Deutsche St. Jakobusgesellschaft. 1993 erklärte die UNESCO den Weg zum Weltkulturerbe und auch von kirchlicher Seite fand eine Wiederbelebung der Jakobstradition statt.
Traditionell gilt das Jahr, in dem der Jahrestag des Heiligen Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, als Heiliges Jahr. 1993 und 1999 wurde das aufwändig gefeiert und brachte für die Pilgerbewegung und die Politik einen Durchbruch. Im Heiligen Jahr 2004 zählte die Kathedrale von Santiago de Compostela dann die Rekordzahl von 179.944 Pilgern. Zu den modernen Pilgern gehören Schriftsteller wie Cees Nooteboom oder Paulo Coelho, die Schauspielerin Shirley MacLaine und Entertainer wie Hape Kerkeling oder Frank Elstner. Der Jakobsweg ist zu einem Massenphänomen geworden, unabhängig von der kirchlichen Ordnung oder Hierarchie: Pilger jeglicher Konfession und Glaubens- oder Weltanschauung machen sich auf den Weg. Alle eint die Suche nach einer besonderen Erfahrung.