
Trotz der verheerenden Zerstörungen nach dem Hurrikan "Katrina" will US-Präsident George W. Bush keine Truppen aus dem Irak in die Katastrophenregionen im Süden der USA verlegen. Die Vereinigten Staaten hätten genug Ressourcen, um beide Aufgaben zu erledigen, sagte Bush am Freitag in der schwer zerstörten Stadt Biloxi im US-Bundesstaat Mississippi. Bush, der zunehmend in die Kritik gerät, gestand ein, dass die Hilfsaktionen bislang unzureichend waren.
Bush versprach den Betroffenen des Hurrikans "Katrina" mehr Hilfe . Die Naturkatastrophe habe Konsequenzen für das ganze Land und deshalb werde die gesamte Nation helfen, er am Freitag in New Orleans. Nach seinen Worten hätten die Ergebnisse der bisherigen Hilfsaktion für New Orleans besser sein können. Bush verteidigte sich gegen wachsende Kritik und sagte, auf die unermessliche Tragweite der Zerstörung habe sich niemand vorbereiten können. Er versprach zusätzliche Hilfe über das vom US-Kongress verabschiedete 10,5 Milliarden Dollar (8,4 Milliarden Euro) Soforthilfepaket hinaus.
Wo der US-Präsident das Katastrophengebiet besuchte, räumten Hilfstrupps vorher ordentlich auf - aber nur dort. Aus Biloxi zitierte ZDF-Korrespondentin Claudia Rüggeberg verzweifelte Einwohner, Bush solle in seinen Limousinen statt lauter Bodyguards und Assistenten lieber Hilfsgüter herbeischaffen.
Entlang seiner Route hätte Räumtrupps vor Bushs Besuch Schutt weggeräumt und Leichen geborgen. Dann sei Bush wieder abgereist "und mit ihm", so Rüggeberg, "die ganzen Hilfstrupps". An der Lage in Biloxi habe sich sonst nichts verändert, es fehle an allem.
Schwarze US-Bürgerrechtler haben die auch ihrer Ansicht nach mangelnde Hilfe für die Flutopfer scharf kritisiert. Die Regierung sage, dass sie alles tue, was sie könne, und das so schnell wie möglich, sagte der Kongressabgeordnete Elijah Cummings am Freitag vor Journalisten. "Ich bin absolut nicht dieser Meinung." Die überwiegend schwarzen Einwohner der Katastrophengebiete seien bereits zu lange ohne Wasser und Nahrungsmittel. Der Unterschied zwischen Überleben und Sterben dürfe nicht durch Armut, Alter oder Hautfarbe gemacht werden, betonte Cummings.
Der Aktivist Jesse Jackson Junior beklagte, in den vergangenen Tagen habe die Regierung eine "schockierende und schreckliche Langsamkeit" bei den Hilfsmaßnahmen für leidende und sterbende Amerikaner gezeigt. Er sei auch "konsterniert" darüber, dass die US-Medien ihre Aufmerksamkeit von den Leiden der Menschen größtenteils auf Gewaltkriminalität und Plünderungen in den Katastrophengebieten gelenkt habe, fügte der Sohn des bekannten Predigers Jesse Jackson hinzu.
Bei den Notleidenden in der US-Katastrophenstadt New Orleans ist am Freitagabend ein Militärkonvoi mit Lebensmitteln für zehntausende Menschen eingetroffen. Etwa tausend Nationalgardisten begleiteten den Konvoi aus Amphibienfahrzeugen zur Stadthalle Convention Center, wo tausende Evakuierte seit Tagen unter elendsten Bedingungen ausharren.
Kommandeur Russel Honoré wies Kritik an den Unzulänglichkeiten der Hilfe zurück. "Wenn diese Sache einfach wäre, hätten wir sie längst gemacht", sagte der General. Der Einsatz sei besonders schwierig, weil viele Zufahrtstraßen unter Wasser stünden. Zudem erschwere die große Zahl der Notleidenden die Hilfe: "Wenn eines Tages 20.000 Menschen zu Ihnen zum Essen kommen, können sie sich die Situation vorstellen", sagte Honoré vor Journalisten.
Nach Schätzungen der Pioniere des US-Heers wird es bis zu 80 Tage dauern, um das Wasser aus dem überfluteten New Orleans abzupumpen. "Wir gehen von irgendwo zwischen 36 bis 80 Tagen aus, um es abzuschließen", sagte Brigadegeneral Robert Crear am Freitag. Die Stadt liegt zu einem großen Teil unter dem Meeresspiegel. Zahlreiche Dämme, unter anderem die zum See Pontchartrain, sind zerstört.
Umweltschutzbehörden aus Louisiana haben nach dem Hurrikan "Katrina" auf dem Mississippi einen großen Öl-Teppich entdeckt. Ein Sprecherin des Landesamtes für Umweltschutz sagte am Freitag, die Verschmutzung nahe der Stadt Venice sei bei einem Überflug entdeckt worden. Sie stamme aus Tanks, die bis zu zwei Millionen Barrel (ein Barrel entspricht knapp 159 Liter) Öl aufnehmen können. "Da läuft Öl aus, aber wir haben zu dem Gebiet keinen Zugang", sagte sie. Das Heimatschutzministerium habe das Gebiet abgeriegelt. Weitere Einzelheiten lagen zunächst nicht vor. Die US-Küstenwache teilte mit, der Bericht werde untersucht. Priorität habe jedoch die Rettung von Menschen nach dem Hurrikan. "Katrina" hatte am Montag erhebliche Schäden in mehreren Bundesstaaten an der Golfküste der USA verursacht. Ersten Schätzungen zufolge kamen Tausende Menschen ums Leben
Die Trockenlegung der vom Hurrikan "Katrina" überfluteten Gebiete einschließlich der Stadt New Orleans ist nach Überzeugung des niederländischen Wasserbau-Experten Han Vrijling möglich. "Technisch ist das kein Problem", sagt der Professor der Technischen Universität Delft. "Die Deiche müssen repariert und das Wasser dann abgepumpt werden. Das dauert nicht mehr als einen Monat." Ein Jahr werde es brauchen, bis Regenwasser das Salzwasser im Boden verdrängt haben wird und Pflanzen wieder wachsen.
Vrijling verwies auf den kurz vor Kriegsende von den Deutschen überfluteten Polder Wieringermeer in Nord-Holland. "Die Fläche ist drei Mal so groß wie das jetzt betroffene Gebiet. Nach einem Jahr hatten wir sie wieder trocken." Allerdings sei es in New Orleans das erste Mal überhaupt, dass das abzupumpende Wasser vermutlich stark mit chemischen Stoffen durchsetzt sei.