Wie viele Spiele hintereinander trifft ein Spieler die Latte? Wie oft in Folge schießt ein Klub kein Tor in den ersten fünf Minuten? Die Serie ist das Lieblingskind der Statistiker und die aktuelle Bundesliga-Saison ist so ganz nach ihrem Geschmack.
"Bayern setzt Siegesserie fort!" - "Schalke stoppt Werder-Serie!" Schlagzeilen wie diese bestimmen zur Zeit den Fußball. In den letzten Monaten wurde zwar keine der Megaserien geknackt, wie etwa die 36 Spiele, die der HSV zwischen dem 30. Januar 1982 und dem 22. Januar1983 ungeschlagen blieb oder die Niederlagenserie von 31 Spielen, die Tasmania Berlin in der Saison 65/66 zum bislang erfolglosesten Bundesligisten machte. Dafür gibt es in dieser Saison keinen Verein, der nicht mindestens einmal einen besonders guten oder schlechten Lauf hatte.
Oder beides nacheinander wie Werder Bremen, das zunächst 23 Pflichtspiele ungeschlagen blieb, um gleich anschließend fünf Mal hintereinander zu verlieren. Am Freitagabend konnten die Bremer den Spuk mit dem 2:1 gegen Hertha beenden. Die Berliner wiederum sind sich erst seit dem vergangenen Spieltag sicher, dass sie die historische Saisonleistung des Stadtrivalen Tasmania (10 Punkte nach Dreipunkte-Rechnung) überbieten werden.
Wo viel Schatten ist, da muss auch Licht sein. Da auch Herthas Nachbarn am Tabellenende, Hannover 96 und der 1. FC Nürnberg, beeindruckende Ketten von Misserfolgen vorweisen können, erscheint es logisch, dass sich im Gegenzug an der Spitze einige Mannschaften als Seriensieger hervortun. In der Tat - Tabellenführer Bayer Leverkusen ist mit nunmehr 20 ungeschlagenen Spielen dem HSV statistisch auf den Fersen und Bayern München jagt mit nunmehr sieben Siegen in Folge den eigenen Rekord von 15 Siegen aus dem Jahr 2005. Stoppen könnte den Rekordmeister ausgerechnet der Titelverteidiger aus Wolfsburg, der seinerseits die letzten zehn Pflichtspiele nicht gewinnen konnte.
Besteht also ein mathematischer Zusammenhang zwischen der außergewöhnlichen Häufung von Negativ-und Positivserien in dieser Saison? Oder gibt es andere Erklärungen dafür? Der Sportwissenschaftler Roland Loy, Autor des "Lexikon der Fußballirrtümer" hält nichts von der Serien-Vorliebe seiner Kollegen. "Man meint immer, dass es im Fußballsport irgendwelche Serien gibt, z.B. Torschützen die mehrere Spiele in Folge treffen. Die Untersuchungsergebnisse weisen ganz klar aus, das diese so genannten Serien rein durch den Zufall bedingt sind."
Bayerns Siegesserie wäre demnach eine reine Glückssträhne und nicht die Folge von Robbens Genesung und van Gaals Genialität? "Die entscheidende Frage ist, wie Sieg und Niederlage überhaupt entstehen" mahnt Experte Roland Loy die Analytiker zur Zurückhaltung. "Wir sind Lichtjahre davon entfernt, das zu erklären. Dafür sind statistische Erkenntnisse ungeeignet. Meine Untersuchungen haben zum Beispiel ergeben, das 50 % aller Tore rein zufallsbedingt fallen - weil der Ball irgendwo abspringt oder der Torwart einen Fehler macht."
... ist promovierter Sportwissenschaftler und hat die Trainer-Lizenz des DFB. Er hat seinerzeit die Datenbank für die Fußballsendung "ran" aufgebaut. Bis vor kurzem kooperierte er als Berater mit dem ZDF bei allen Fußball-Liveübertragungen.
Zur Zeit arbeitet er als Fachberater für die Redaktionen von "ran" und "Liga Total". In seinem "Lexikon der Fußballirrtümer" schickt er auf Basis von über 3000 systematisch analysierten Fußballspielen so manche lieb gewonnene Fußball-Weisheit ins Reich der Legenden - u.a. dass der Gefoulte niemals selbst den Elfmeter schießen sollte oder dass das Spiel über die Flügel besonders für Erfolg bürge.
Auch die Rolle der Trainer wird nach Loys Erkenntnis oft überschätzt. Aktuell gelten die Trainerwechsel in Berlin, Nürnberg und Stuttgart nach Meinung vieler Experten als Grund für die Trendwende bei diesen Clubs. "Die Leistungen hängen von tausenden Faktoren ab, und ein einzelner Faktor ist der Trainer", so der TV-Experte. "Wer will schon sagen, in welchem Zusammenhang zum Ergebnis dieser eine Faktor steht?"
Trotz aller Skepsis: eine Rekordserie hat selbst Roland Loy imponiert. Vom 27.9.1969 bis zum 3.3.1970 traf der "Bomber der Nation" Gerd Müller sechzehn Mal in Folge. "Das ist ein herausragendes Phänomen, das nicht als zufallsbedingt gelten kann. Da kommen außergewöhnliche persönliche Eigenschaften zum Tragen." Das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer für Trainer, die in schwierigen Situationen oft den letzten Ausweg darin sehen "eine Serie zu starten."