Die internationalen Jugendlager bei Olympia sind das Vorbild. Bei den Winter-Paralympics gibt's so etwas noch nicht. So hat die Deutsche Behindertensport-Jugend selbst ein Camp organisiert. Für DBSJ-Chef Norbert Fleischmann ein vielversprechender Anfang.

sport.zdf.de: Wie konnte man sich für das erste deutsche Jugendlager bei Winter-Paralympics bewerben?
Norbert Fleischmann: Wir haben das deutschlandweit über die Sportverbände und Vereine ausgeschrieben. Es kamen allerdings nur 25 Bewerbungen. Das mag zum Teil daran gelegen haben, dass zurzeit Abitur und Realschulprüfungen laufen oder bevorstehen. Das ist bei den Sommerlagern wegen der Ferienzeit besser.
sport.zdf.de: Wie setzt sich die Gruppe zusammen?
Fleischmann: Zur Gruppe gehören neun behinderte Jugendliche sowie zwei Nicht-Behinderte im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Dazu kommen die Delegationsleitung und Betreuer. Ingesamt sind wir 19.
sport.zdf.de: Was wollten Sie mit diesem Jugendlager erreichen?
Fleischmann: Zunächst möchten wir Nachwuchsathleten, die bereits im Leistungssport angeklopft haben, das Gefühl vermitteln: Mensch, hier bin ich richtig, das muss ich selbst mal erleben, in vier Jahren will ich auch dabei sein. Die zweite Gruppe bezeichne ich mal als soziale Talente. Diese Jugendlichen, für die nicht der Spitzensport im Mittelpunkt steht, wollen wir als ehrenamtliche Helfer gewinnen. Dazu kommen die Mädchen und Jungs ohne Behinderung, die immer mit uns fahren. Dabei verwende ich den Begriff Integration überhaupt nicht mehr. Denn wir sind ein Team, in dem man gar nicht merkt, wer ist behindert und wer nicht. Das interessiert auch keinen mehr.

sport.zdf.de: Wie sah das Programm aus?
Fleischmann: Wir haben viele Wettkämpfe besucht und die Athleten angefeuert. In Vancouver waren wir in einer Schule zu Gast. Es war uns wichtig, kanadische Schüler und auch mal ein anderes Schulsystem kennenzulernen. Außerdem gab es einen Jugendabend gemeinsam mit amerikanischen Nachwuchssportlern im Deutschen Haus.
sport.zdf.de: Wie sind Sie aufgenommen worden?
Fleischmann: Der Behindertensport ist wie eine große Familie. Bei den Paralympics ist das nicht anders. Man kennt sich von Lehrgängen und Wettkämpfen. Die Medaille von dem Partner, mit dem man zu Hause trainiert, halten zu dürfen, ist einfach ein wahnsinniges Erlebnis. Mit Verena Bentele und Andrea Rothfuss haben wir ja zwei erfolgreiche Sportlerinnen, die vor ihrer Karriere auch an solchen Jugendlagern (im Sommer) teilgenommen haben. So was spornt natürlich an.
sport.zdf.de: Was war das Besondere in Vancouver und Whistler?
Fleischmann: Dass die Jugendlichen ihre Trainer und die Athleten, die sie ja teilweise von zu Hause kennen, hier bei den Paralympics live erleben konnten. Die Begeisterung an den Pisten und Loipen war riesengroß. Und die Bedingungen waren viel unkomplizierter als erwartet. Selbst mit den Rollstuhlfahrern gab es trotz Eis und Schnee keine Probleme.
sport.zdf.de: Während der Sommer-Paralympics sind die deutschen Jugendlager schon länger etabliert. Warum hat es im Winter erst jetzt geklappt?
Fleischmann: Weil es ein enormer Aufwand ist - organisatorisch und finanziell. Mit einer hauptamtlichen Kraft und zwei ehrenamtlichen Mitarbeitern von der Deutschen Behindertensport-Jugend stößt man schnell an seine Grenzen. Wir müssen die Jugendlager auch selbst finanzieren. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 90.000 Euro. Wichtigste Geldgeber sind das Bundesfamilienministerium und die Deutsche Telekom als Hauptsponsor. Dazu kommen ganz viele kleinere Spenden. Die Teilnehmer mussten noch einen Eigenanteil von 950 Euro zahlen, Einkleidung inbegriffen.
sport.zdf.de: Bei Olympischen Spielen organisiert das IOC ein internationales Jugendlager. Warum gibt es so etwas bei Paralympics noch nicht?
Fleischmann: Ideen und Konzeptionen dafür gibt es. Die Verbände, die über mehr Geld verfügen, wären sicher auch bereit, einen höheren Beitrag beizusteuern. So könnten auch ärmere Nationen aus Afrika und Asien teilnehmen. Ich hoffe, dass das Internationale Paralympische Komitee in London 2012 die Schirmherrschaft übernimmt. Das IPC müsste dann eigentlich nur dabei helfen, eine geeignete Unterkunft zu finden. Den Rest könnten die nationalen Verbände machen. Momentan sind wir mit den USA, Österreich und Frankreich im Gespräch. Ich rechne auch fest mit einer Unterstützung durch den Deutschen Behindertensport-Verband.
sport.zdf.de: Was passiert eigentlich nach den Paralympics, wenn der Behindertensport nicht mehr so im Blickpunkt steht?
Fleischmann: Seit zwei Jahren gelingt es uns gemeinsam mit anderen Verbänden Jugendlager auch außerhalb der Paralympics zu organisieren. In diesem Sommer ist Südkorea Gastgeber. Dort werden Nachwuchssportler aus den USA, der Türkei, Griechenland und Deutschland teilnehmen. Anfang 2010 haben wir zusammen mit der Deutschen Bahn die Aktion "Jugend trainiert für Paralympics" deutschlandweit in Schulen und Vereinen gestartet. Das wird der Nachwuchsarbeit im Behindertensport hoffentlich einen Schub geben.