Ein Spektakel hatte Zsolt Erdei vor seinem Ausflug ins Cruisergewicht versprochen. Er hielt Wort und krönte seine Karriere in Kiel gegen Giacobbe Fragomeni mit einem neuen WM-Titel und einem der dramatischsten Kämpfe der letzten Jahre.
"Oh, wie ist das schön...". Wenn Trainer Fritz Sdunek nachts um halb eins in der Kabine Freudengesänge anstimmt, dann muss etwas ganz Besonderes geschehen sein. Und das war es. Selten wurde einem Boxer nach einem Sieg so viel Ehrerbietung entgegen gebracht, wie Zsolt Erdei nach seinem furiosen Sieg gegen den Italiener Giacobbe Fragomeni im WM-Kampf um den WBC-Titel im Cruisergewicht. Die Mitstreiter aus dem Universum-Boxstall knieten vor dem beliebten Ungarn nieder.

"Wahnsinn" war das Wort der Stunde, und draußen schrieen sich hunderte eigens angereister Fans aus Ungarn noch lange nach dem Kampf für ihren Volkshelden die Stimme aus dem Hals: "Zsolti, Zsolti." Der Umjubelte selbst konnte zunächst kaum fassen, was er da soeben geschafft hatte. Müde aber glücklich saß er auf seinem Hocker - aber für einen lockeren Spruch reicht es bei Erdei in jeder Lebenslage: "Der Junge aus der Puszta ist nun aus der Puste."
Bei seinem Debüt im Cruisergewicht hatte der Feuervogel gegen seinen fast acht Kilogramm schwereren Gegner losgelegt wie die Feuerwehr. Mit schnellen Schlagkombinationen, linken Geraden und rechten Haken sowie unbändigem Vorwärtsdrang überraschte er den Titelverteidiger, der nur schwer in den Kampf fand. "Mein Fehler war es, dass ich in den ersten Runden zu langsam war", sagte der sichtlich beeindruckte Fragomeni später.
In der vierten Runde schien Erdei mit seinem Gegner fast zu spielen, und unter seinen Anhängern unter den 4000 Zuschauern breitete sich Siegeszuversicht aus. Bis auf Klaus-Peter Kohl. "Ich hatte den Eindruck, Zsolt ist sich seiner Sache zu sicher", sagte der Universum-Boss auf der Pressekonferenz. Und in der Tat nahm der Italiener ab Runde fünf das vorgegebene Tempo auf und hatte in den mittleren Runden die Mehrzahl der Treffer auf seiner Seite. "Er hat gepresst und gepresst", so Erdei später. "Ich hatte ein Deja Vu und dachte an meinem Kampf mit gebrochener Rippe gegen Mehdi Sahnoune."

Selten hat man einen so intensiven, schnellen und schlagreichen Kampf in der zweithöchsten Gewichtsklasse gesehen wie gestern in Kiel. Das letzte Drittel war ein offener Schlagaustausch, in dem beide Boxer die allerletzten Kräfte mobilisierten. "Das ist dramatisch", schallte es aus den Reihen der WBC-Offiziellen in der dritten Zuschauerreihe, die hektisch ihre privaten Punktezettel verglichen. Mit dem Schlusspfiff erhob sich die Halle zu frenetischem Jubel und jeder wusste, dass es eine ganz enge Entscheidung geben würde.
Fast so spektakulär wie der Kampf war die Anfeuerung durch Erdeis Frau Arabella. Ab der fünften Runde stand sie wie eine Dirigentin neben dem Ring, beschrieb mit den ausgebreiteten Armen geheimnisvolle Figuren und ging mit dem Oberkörper jede Bewegung ihres Mannes mit. Das Minenspiel wechselte zwischen tiefer Besorgnis und funkelndem Kampfgeist.
Mit dem Schlussgong wich die Anspannung einem erleichterten Tränenfluss. Nach Verkündung des knappen Urteils fiel sie ihrem Mann noch im Ring um den Hals. Der gab später zu Protokoll: "Ein Mann muss manchmal hart für die Familie und den Erfolg arbeiten."
Giacobbe Fragomeni hatte bereits vor dem Urteil zu Erdei gesagt, dass er für ihn der wahre Champion sei. Fair nahm er seine Niederlage hin, hoffte aber trotz seines Veilchens unter dem linken Auge auf einen baldigen Rückkampf. Ob es dazu kommt, ließ das Universum-Lager offen. "Ich habe mir über meine Zukunft noch keine Gedanken gemacht", sagte Erdei, der vorher angekündigt hatte, dass der Ausflug ins Cruisergewicht eine Ausnahme bleiben sollte. Gedanken an einen Rücktritt auf der Höhe des Erfolges wies er aber von sich. "Ich kann noch einiges backen", sagte er und haute den nächsten Spruch raus. "Vielleicht im Schwergewicht gegen Walujew."