Trotz Pfeifkonzert nach der Urteilsverkündung waren Jürgen Brähmer und sein Anhang mit der Leistung im Kampf gegen den starken Hector Javier Velazco zufrieden. Kondition und Nehmerqualitäten des Supermittelgewichtlers schüren die Hoffnung auf einen baldigen WM-Kampf. Auf dem Weg dahin wartet mit Mario Veit zunächst ein alter Bekannter.
Sie saßen auf verschiedenen Seiten des Rings und konnten sich nicht sehen, aber allein ihre Nähe zueinander weckte Erinnerung an Sternstunden der Boxgeschichte: Graciano "Rocky" Rocchigiani unterstütze seinen Bruder Ralf im erste Kampf des Abends bei der Betreuung des Berliners Ali Yildirim, während Dariusz "Tiger" Michalczewski dem Geschehen in der Ehrenloge der Universum-Weltmeister folgte.
"Sportlich war es ein gelungenes Jubiläum", resümierte Universum Chef Klaus-Peter Kohl nach dem Ende seiner 250. Veranstaltung. Die sieben Kämpfe in Hamburg boten nicht nur guten Sport - von Vladimir Virchis, über Sergiej Dsinsiruk und Thomas Ulrich bis Jürgen Brähmer kamen die Sieger allesamt aus der Rote Ecke, die Kohls Schützlingen vorbehalten ist.
Jürgen Brähmer, das nach Kohls Meinung "größte deutsche Box-Talent aller Zeiten" machte es am spannendsten. In einem hochklassigem Kampf, in dem beide Boxer zwölf Runden lang marschierten und jede Gelegenheit zum Schlagabtausch nutzten, behielt der Rechtsausleger gegen den Argentinier Hector Javier Velazco die Oberhand. In dem äußerst knappen Gefecht musste der Schweriner in der sechsten Runde nach einer harten Rechten sogar auf den Boden - das erste Mal in seiner Laufbahn als Profiboxer.
Überraschenderweise zog Brähmer, der nicht gerade als Konditionswunder gilt, aus dem Niederschlag einen Teil seiner Zuversicht. "Ich wollte zu viel mit Kraft machen, weil ich mich konditionell so gut gefühlt habe. Aber ich bin zurückgekommen und habe mich durchgebissen. Nur mit dem Boxen hat es heute nicht ganz so geklappt", sagte der Sieger.

Sein Promoter brachte diese Analyse auf die treffende Kurzformel: "Kondition schlägt Klasse." Auch Trainer Michael Timm zeigte sich beeindruckt vom neuen Durchhaltevermögen seines einstigen Sorgenkindes. "Der Niederschlag war eine schwere Bombe. Da hatte ich schon Angst, dass er die nicht wegsteckt. Ich bin stolz, wie er hinten heraus das Tempo noch mal angezogen und selbst getroffen hat. Das war ein sehr, sehr wichtiger Kampf für Jürgen."
Nun wächst allerdings auch der Erwartungsdruck. "Die Schonzeit ist vorbei", stellte Klaus-Peter Kohl klar. "Die Gegner werden schwerer. Jürgen muss sich an ihnen steigern." Der nächste Gegner auf dem Weg zum ersehnten WM-Kampf wird wahrscheinlich ein alter Bekannter sein: Mario Veit, gegen den Brähmer vor einem Jahr überraschend verlor.
Getrübt wurde die Zufriedenheit im Brähmer-Lager durch das gellende Pfeifkonzert, mit dem das Publikum gegen das unverständlich klare Urteil protestierte - ein Punktrichter wertete gar mit 117:111. Im Lauf des Kampfes hatte der bullige und sehr agile Velazco immer mehr Sympathien der 7000 Zuschauer auf seine Seite gezogen.
Brähmer selbst konnte die Pfiffe auch eine Stunde nach dem Kampf nicht verstehen: "Ich bin immer noch sprachlos. Nach einem Niederschlag so stark wiederzukommen - das will das Publikum doch eigentlich sehen."
Seine Stallgefährtin Regina Halmich fühlte mit: "Die Pfiffe hat Jürgen nicht verdient. Das tut bei so engen Kämpfen immer sehr weh." Für die Reaktion der Zuschauer zeigte die Weltmeisterin aus Karlsruhe allerdings auch Verständnis: " Das Urteil war zu hoch, ich habe Jürgen mit ein bis zwei Runden vorne gesehen. Aber Velazco war natürlich der aktivere. Wenn jemand ständig marschiert, boxt er sich meist in das Herz der Leute."
Halmich - mittlerweile schon eine Art Urgestein im Universum-Boxstall - war eine von 14 Weltmeistern, die zur Jubiläumsgala erschienen und sich einen Rückblick auf 200 WM-Kämpfe ansahen. "Das ist das erste mal seit Jahren, dass die Kollege wieder zusammen sind. Das ist ein sehr schönes Gefühl", sagte sie.
In der Loge nebenan hatte der ganz in weiß gekleidete Dariusz Michalczewski einen ganz besonderen Wunsch für seinen ehemaligen Chef parat. "Ich wünsche Klaus-Peter Kohl einen neuen Tiger. Aber so einen kriegt er nicht noch einmal."
Das Publikum in der Halle bekam noch einen außerplanmäßigen achten Kampf zu sehen. Nach dem Hauptkampf kam es hinter der roten Ecke zu einer blutigen Schlägerei, in die neben Bodyguards auch Vertreter des neuen Hamburger Box-Stalles "Arena" verwickelt waren.
Klaus-Peter Kohl war anzumerken, dass ihm dieser Vorfall auf seiner Jubiläums-Party naheging, wollte sich aber nicht konkret dazu äußern. "Ich muss erstmal herausfinden, was passiert ist. Solche Sachen sind nie schön."
WBO-Interkontinental-Meisterschaft,
Supermittelgewicht (12 Rd.)
Jürgen Brähmer (Schwerin) - Hector Javier Velazco (ARG) n.P. (115:112, 117:111, 115:112)
EM, Halbschwergewicht (12 Rd.)
Thomas Ulrich (Berlin) - Leonardo Turchi (ITA) K.o. 1. Rd.
WBO-WM, Superweltergewicht (12 Rd.)
Sergej Dsinsiruk (UKR) - Carlos Nascimento (BRA) techn. K.o. 11. Rd.
EM, Schwergewicht (12 Rd.)
Wladimir Wirtschis (UKR) - Paolo Vidoz (ITA) n.P. (119:109, 116:112, 117:111)
WIBF-WM, Superweltergewicht (10 Rd.)
Karolina Lukasik (POL) - Heidi Hartmann (Uplengen) n.P. (100:89, 100:89, 100:89)
Internationale Deutsche Meisterschaft,
Mittelgewicht (10 Rd.)
Lukas Wilaschek (Köln) - Ali Yildirim (TUR) n.P. (97:93, 96:94, 97:93)
Schwergewicht (8 Rd.)
Egon Roth (Frankenthal) - Danijel Peretjatko (RUS) n.P.