"Alles Vollidioten!"
Von Juli Zeh
Es kann also nicht darum gehen, sich auf irgendeine Seite zu schlagen. Das macht es so einfach. In einer Lage, in der auf keiner Seite ein berechtigtes Interesse steht, hält man schlicht und ergreifend an seinen Prinzipien fest. Das Prinzip lautet: Wir verbieten keine Filme, egal, wie schlecht sie sind, solange der Film keinen Straftatbestand verwirklicht.Wir brauchen einen Pakt der Vernunft
Was alle Beteiligten endlich begreifen müssen: Die Frontlinie des sogenannten "Kampf der Kulturen" verläuft nicht zwischen Morgenland und Abendland. Auch nicht zwischen Christentum und Islam. Die Linie verläuft zwischen den Fanatikern auf beiden Seiten – und den Vernünftigen auf beiden Seiten. Und die Fanatiker sind glücklicherweise in der absoluten Minderheit. Es sind Einzelne, die einer großen Masse von Vernünftigen gegenüberstehen. Was wir brauchen, ist ein Pakt der Vernunft, der Länder- und Kulturgrenzen überschreitet. So wenig, wie die Macher des Films Amerika oder Deutschland repräsentieren, so wenig repräsentieren die Attentäter die Menschen in Libyen oder Afghanistan. Vernünftige Menschen drehen solche Filme nicht, zeigen solche Filme nicht, regen sich über solche Filme nicht auf – und sie verbieten solche Filme nicht.Eine Demokratie ist kein Schönwetter-Betrieb. Gerade in schlechten oder als schlecht empfundenen Zeiten gilt es, an demokratischen Prinzipien festzuhalten. Die Aufklärung ist der richtige Weg. Auf diesem Weg dürfen wir nicht umkehren. Meinungs- und Kunstfreiheit gehören notwendig dazu. Wer die Demokratie rückbauen will, weil er glaubt, sich in einer Art Krieg zwischen Christentum und Islam zu befinden, macht sich mit den Vollidioten gemein. Er gibt den Vollidioten mehr Macht, als sie verdienen. So einfach ist das: Wir müssen an unseren Grundsätzen festhalten. Sonst haben die wenigen Vollidioten über die vielen Vernünftigen gesiegt.

