Katherine Mansfield: Glück
von Annette Spohn
Die Distanz zum Gelesenen, das eigentlich in einer längst vergangenen Zeit spielt, verschwindet. Man fühlt sich erinnert, ertappt und igendwie gar nicht mehr so gut. Im Grunde, so muss man feststellen, hat sich nichts geändert. Die Menschen sind so eigen, wie sie halt sind. Ob sie nun im 19. oder im 21. Jahrhundert leben. Es gibt Grundkonstanten des menschlichen Verhaltens, die zeitlos existieren und uns immer wieder einholen. Liebe und Eifersucht, Betrug und Vertrauen – es sind immer das Gleiche, das uns umtreibt.Mansfields Figuren glauben sich selbst nicht
Da ist zum Beispiel die mäßg hübsche aber sehr reiche Rosemary. In einem Anflug von Mitleid nimmt sie in der Geschichte „Eine Tasse Tee“ ein armes Mädchen von der Straße mit nach Hause, trinkt mit ihr Tee. Rosemary hat den festen Vorsatz, Gutes zu tun und dem Mädchen zu helfen. Bis zu dem Moment, wo ihr Mann dazu kommt. Seine Bemerkung über die Schönheit des armen Mädchens führt dazu, dass Rosemary alle guten Absichten verwirft und die Besucherin mit etwas Geld wieder auf die Straße schickt.Das, was sie umtreibt ist nicht mehr das Leid des Mädchens, sondern allein das Gefühl, selbst nicht hübsch zu sein. Das weiß sie längst. Das weiß auch ihr Mann – und doch will sie geliebt werden um ihrer Schönheit Willen und nicht wegen des Geldes. Und selbst wenn ihr Mann sie um ihrer selbst Willen liebt - glauben wird Rosemary es ihm nicht. Weil sie sich selbst nicht glaubt – das ist das Probelm aller Figuren in Katherine Mansfields Kosmos. Sie sind Egomanen und gleichzeitig leiden sie daran.Katherine Mansfield: Glück, erstmalig 1980/neue Auflage 2012, Diogenes

