von Anna Bernard
Einerseits stößt man auf eine Fülle von Publikationen, die sich mit Opfern von Zwangsheiraten, Beschneidungen oder Ehrenmorden beschäftigten. Andererseits, und vielleicht als Reaktion darauf, erschienen zahlreiche Bücher junger deutsch-türkischer Journalistinnen, die eher eine neue deutsch-türkische Harmlosigkeit beschreiben.Differenzierte Blicke
Wir stellen Titel vor, mit denen sich - zwischen diesen beiden Extremen - vielleicht ein Trend zur Normalisierung, Differenzierung und Versachlichung abzeichnet. Unaufgeregte Stimmen von Migranten, die man bisher noch nicht gehört hat, nämlich von Männern der ersten und zweiten Generation. Und auch die ganz jungen Frauen der zweiten Generation melden sich zu Wort: Melda Akbas mit "So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock" und Sineb El Masrar mit "Muslim Girls". Die 28-jährige Sineb El Masrar ist Erzieherin, Kauffrau, Herausgeberin einer Zeitschrift - und muslimische Migrantin. Noch so eine von denen, die sich schwer integrieren lassen - folgt man Thilo Sarrazin. Und dem folgen zurzeit ziemlich viele. "Es läuft so ein Geist herum: 'Man wird ja wohl noch sagen dürfen!' Man freut sich, dass jetzt jemand mal alles ausspricht, was viele denken. Und das beweist eigentlich nur, dass ein bestimmtes Bild von dieser Gruppe vorgeherrscht hat - über Jahre hinweg", sagt El Masrar.Sexy Einwanderung
Die Deutsch-Marokkanerin hat ein eigenes Magazin gegründet, die "Gazelle". Eine Art "Brigitte" in Multikulti, die für die Vielfalt von Biografien wirbt. Ist es nicht schick, von woanders zu kommen wie die eritreische Radiomoderatorin oder die slowenische Unternehmensberaterin? Einwanderung kann ganz schön sexy sein.Buchtipps zum Thema
Halbmondwahrheiten:
Türkische Männer in Deutschland - Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft
von Isabella Kroth
Diederichs
So wie ich will: Mein Leben zwischen Moschee und Minirock
von Melda Akbas
C. Bertelsmann
Muslim Girls: Wer wir sind, wie wir leben
von Sineb El Masrar
Eichborn Verlag
Alleinerziehende türkische Männer
Stereotypen - das kennt auch Kazim Erdogan. Der Psychologe hat in Berlin eine Selbsthilfegruppe für türkische Väter gegründet - die einzige ihrer Art in Deutschland. Männer, die es gewohnt waren, Stärke zu zeigen, sprechen hier über Gewalt und Ehre, Ängste und Hoffnungen, Arbeit, Familie und Kinder. "40 Prozent der Besucher der Vätergruppe sind alleinerziehende Väter", sagt Erdogan. "Wenn man das vor 20 Jahren behauptet hätte, wäre man für verrückt erklärt worden. Und das heißt: Die Zeiten ändern sich, und die Probleme der Menschen ändern sich auch." Von Erdogan haben die Männer gelernt zu reden - mit ihren Frauen, mit ihren Kindern, mit ihren deutschen Nachbarn."Integrationsverweigerer"
Viele Migranten haben jahrzehntelang im Schichtdienst gearbeitet. Für ihr Deutsch interessierte sich niemand. Das kam erst, als sie arbeitslos wurden - nach dem Fall der Mauer, als hunderttausende Jobs für ungelernte Kräfte wegfielen. Plötzlich waren die Straßen voll mit schnauzbärtigen Männern. Auf einmal nannte man sie "Integrationsverweigerer". "Wir haben 50 Jahre lang in der Geschichte der Migration über diese Menschen geredet, statt mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um Bedarfe festzustellen. Welche Bedarfe haben sie?", fragt Erdogan. Jetzt melden sie sich selbst zu Wort. Der Journalistin Isabella Kroth haben Erdogan und einige der Väter ihre Lebensgeschichten erzählt, ungeschönt, ohne Selbstmitleid. "Halbmondwahrheiten" heißt das Buch, das daraus entstanden ist: sehr lesenswert."Das Problem nüchtern anpacken"
Ob Männer der ersten Generation oder ganz junge Frauen: Sie wollen nicht mehr nur Thema, sie wollen Teilnehmer sein. Melda Akbas ist derzeit viel unterwegs. Die Deutschtürkin hat gerade Abitur gemacht und ein Buch geschrieben. Bis zu drei Lesungen hält sie am Tag. In ihrer Migrantengeschichte geht es ihr um mehr als nur das Private. "Es ist auf jeden Fall wichtig und richtig, wenn wir das Wort ergreifen, weil wir mittlerweile einen beträchtlichen Anteil der Jugend ausmachen", sagt Melda. "In Berlin zentriert sich das auch noch mal. Umso wichtiger ist es, dass wir sagen können, was wir wollen und was wir uns wünschen, was unsere Probleme sind und was vielleicht fehlerhaft ist, wo man etwas verbessern müsste. Und deswegen bin ich dafür, dass man damit in Ämterm wie dem Klassensprecheramt oder als Vorsitzender im Bezirksschülerausschuss schon früh anfängt."Neue Sachlichkeit
Sie selbst war Schulsprecherin und lange in verschiedenen Gremien aktiv. Kinder aus Migrantenfamilien sah sie dort selten. Das sollte sich ändern, fand sie und schuf das Projekt "Let's organize something", kurz "los": eine Reihe von Workshops, in denen sie Migrantenschüler über ihre Mitbestimmungsrechte informierte. Ein durch und durch pragmatischer Ansatz, fernab von Diskussionen über Kopftücher oder Moscheen. "Ich wünsche mir eigentlich, dass man aufhört immer mit diesem: 'Du hast mir den Bauklotz weggenommen, ich nehm' ihn dir jetzt auch weg', diese ganzen Schuldzuweisungen und 'Die sprechen aber nicht die Sprache' und 'Die grenzen uns aber aus'", sagt Melda. "Das bringt uns nicht weiter. Man sollte eher versuchen, die Probleme ganz nüchtern anzupacken, im Bildungssystem zum Beispiel, aber auch auf dem Arbeitsmarkt und in den Ausbildungsstätten, bei den Lehrern und Schülern. Da, wo wir auch für die Zukunft etwas bewirken können." Meldas Buch ist eine Aufforderung sich einzumischen. Was in der Integrationsdebatte oft fehlt, diese Stimmen zeichnet es aus: eine neue Sachlichkeit.

