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Jeder in seinem Kosmos

Keri Hulme: Der Windesser Te Kaihau

Ahnung und Gewissheit – dazwischen schwankt der Leser. Von Erzählung zu Erzählung findet er sich in einem richtigen Gefühlstaumel, kaum hat man das eine Entsetzen verkraftet, taucht schon die nächste unglaubliche Katastrophe auf. Die Geschichten Keri Hulmes tauchen aus einem Kosmos der Bilder- und Glaubenswelt der Maori auf – und manchmal auch wieder in diesem Kosmos unter ... 

Keri Hulme: Der Windesser Te Kaihau, Fischer Verlag / Quelle: Fischer Verlag

Keri Hulme: Der Windesser Te Kaihau

(13.09.2012 Quelle: Fischer Verlag)

von Annette Spohn

Bevor einzelne Dinge explizit werden, ahnt man das Drama mehr als dass man es weiß – und fühlt sich zum eigenen Entsetzen meist in seinen Ahnungen bestätigt. In Hulmes Roman „Unter dem Tagmond“ wurde der Leser schon mit der fremden Gefühlswelt der Maori konfrontiert – in ihren Erzählungen treibt die Autorin dieses Unbehagen auf die Spitze. Man fühlt sich in ihnen sehr fremd.

Unbegreifbares Unglück

Besonders eindrücklich ist die Geschichte „Haken und Fühler“. Ein Unglück ist geschehen - ein unfassbares, unverstehbares. Ein Kind ist schlimm verletzt worden. Es hat eine Hand verloren. Durch die Schuld der Mutter. Verstehen und vergeben, miteinander leben nach diesem Unglück ist schwer. Der Vater ist um Normalität bemüht, scheitert aber an der Unversönlichkeit der beiden anderen.

Schließlich macht man ein Picknick und fast kommt es zur erneuten Katastrophe. Das Kind ertrinkt beinahe. Bei der Mutter ist man sich nicht so sicher. Der Vater rettet beide, um zu erfahren, dass seine Frau an Krebs erkrankt ist. In dieser Situation verbünden sich Mutter und Sohn. Der Vater bleibt allein mit diesem schrecklichen Wissen. Weder Alkohol noch Musik helfen ihm. Der letzte Satz der Erzählung manifestiert den Tod der Mutter.

Der Abgrund zwischen mir und dem Anderen

Stückweise, fast zögerlich erfährt der Leser diese Dinge. Nach und nach werden die einzelnen Katastrophen erkennbar. Verstehen kann man sie nicht. Das Verhalten der Mutter nach dem Unglück ist genauso rätselhaft wie das des Sohnes. Liebe und Leidenschaft des Vaters in dieser Situation wirken befremdlich – es gäbe viel zu reden meint man, doch keiner sagt etwas, oder zumindest nicht viel. Aber vielleicht ist das auch die angemessenere Haltung. Was soll man schon sagen? Wenn man seinem Kind die Hand in der Autotür zerquetscht, wenn es mit einem Metallhaken als Handersatz aus dem Krankenhaus kommt, wenn die Krebsgeschwulste in einem wachsen ...

Hulme hat ein Talent, die unsagbaren Dinge zu beschreiben und ihnen dabei nichts von ihrer Unsagbarkeit zu nehmen. Und deshalb ist es so unglaublich, diese Erzählungen zu lesen. Wir können unser Gegenüber genauso wenig oder viel verstehen, wie wir als Leser den Protagonisten der jeweiligen Geschichten. Manches kommt einem bekannt vor, anderes fremd. Das muss man aushalten können. Im Leben wie im Buch. Mit Rationalität ist dem anderen nicht bei zu kommen. Mit Mitgefühl auch nicht, denn es geschehen Dinge, die kann man nicht mit- oder nachfühlen. Jeder ist sein eigener Erinnerungs- und Erlebniskosmos, nicht kompartibel zu den anderen. Und dazwischen bleibt der unüberwindbare Abgrund zum anderen.

Es ist noch viel schlimmer

Niederschmetternd, aber sehr eindrücklich.  Die einzelnen Schicksale werden immer wieder so lakonisch geschildert, dass man das Schreckliche manchmal fast überliest. Erst beim erneuten Lesen stellt man fest: Alles ist noch viel Schlimmer. So weigert man sich als Leser zunächst zu glauben, dass das Kind seine Hand verloren hat, dass es mit einer Prothese zurückkommt, dass die Mutter es nicht aus dem Krankenhaus abholen will, dass die Mutter nicht um Verzeihung bittet, dass die Mutter schuldig ist, dass der Vater der Mutter keine Vorwürfe macht, dass man gemeinsam zum Picknicken fährt.

Eine empfehlenswerte Lektüre, wenn man Kurioses ebenso schätzt wie die genaue Beobachtung der menschlichen Abgründe, die sich ohne individuelle Schuld öffnen und den Einzelnen verschlingen.

Keri Hulme: Der Windesser Te Kaihau, Fischer Taschenbuch

04.09.2012

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