Keri Hulme: Der Windesser Te Kaihau
von Annette Spohn
Bevor einzelne Dinge explizit werden, ahnt man das Drama mehr als dass man es weiß – und fühlt sich zum eigenen Entsetzen meist in seinen Ahnungen bestätigt. In Hulmes Roman „Unter dem Tagmond“ wurde der Leser schon mit der fremden Gefühlswelt der Maori konfrontiert – in ihren Erzählungen treibt die Autorin dieses Unbehagen auf die Spitze. Man fühlt sich in ihnen sehr fremd.Unbegreifbares Unglück
Besonders eindrücklich ist die Geschichte „Haken und Fühler“. Ein Unglück ist geschehen - ein unfassbares, unverstehbares. Ein Kind ist schlimm verletzt worden. Es hat eine Hand verloren. Durch die Schuld der Mutter. Verstehen und vergeben, miteinander leben nach diesem Unglück ist schwer. Der Vater ist um Normalität bemüht, scheitert aber an der Unversönlichkeit der beiden anderen.Schließlich macht man ein Picknick und fast kommt es zur erneuten Katastrophe. Das Kind ertrinkt beinahe. Bei der Mutter ist man sich nicht so sicher. Der Vater rettet beide, um zu erfahren, dass seine Frau an Krebs erkrankt ist. In dieser Situation verbünden sich Mutter und Sohn. Der Vater bleibt allein mit diesem schrecklichen Wissen. Weder Alkohol noch Musik helfen ihm. Der letzte Satz der Erzählung manifestiert den Tod der Mutter.Der Abgrund zwischen mir und dem Anderen
Stückweise, fast zögerlich erfährt der Leser diese Dinge. Nach und nach werden die einzelnen Katastrophen erkennbar. Verstehen kann man sie nicht. Das Verhalten der Mutter nach dem Unglück ist genauso rätselhaft wie das des Sohnes. Liebe und Leidenschaft des Vaters in dieser Situation wirken befremdlich – es gäbe viel zu reden meint man, doch keiner sagt etwas, oder zumindest nicht viel. Aber vielleicht ist das auch die angemessenere Haltung. Was soll man schon sagen? Wenn man seinem Kind die Hand in der Autotür zerquetscht, wenn es mit einem Metallhaken als Handersatz aus dem Krankenhaus kommt, wenn die Krebsgeschwulste in einem wachsen ...Hulme hat ein Talent, die unsagbaren Dinge zu beschreiben und ihnen dabei nichts von ihrer Unsagbarkeit zu nehmen. Und deshalb ist es so unglaublich, diese Erzählungen zu lesen. Wir können unser Gegenüber genauso wenig oder viel verstehen, wie wir als Leser den Protagonisten der jeweiligen Geschichten. Manches kommt einem bekannt vor, anderes fremd. Das muss man aushalten können. Im Leben wie im Buch. Mit Rationalität ist dem anderen nicht bei zu kommen. Mit Mitgefühl auch nicht, denn es geschehen Dinge, die kann man nicht mit- oder nachfühlen. Jeder ist sein eigener Erinnerungs- und Erlebniskosmos, nicht kompartibel zu den anderen. Und dazwischen bleibt der unüberwindbare Abgrund zum anderen.Es ist noch viel schlimmer
Niederschmetternd, aber sehr eindrücklich. Die einzelnen Schicksale werden immer wieder so lakonisch geschildert, dass man das Schreckliche manchmal fast überliest. Erst beim erneuten Lesen stellt man fest: Alles ist noch viel Schlimmer. So weigert man sich als Leser zunächst zu glauben, dass das Kind seine Hand verloren hat, dass es mit einer Prothese zurückkommt, dass die Mutter es nicht aus dem Krankenhaus abholen will, dass die Mutter nicht um Verzeihung bittet, dass die Mutter schuldig ist, dass der Vater der Mutter keine Vorwürfe macht, dass man gemeinsam zum Picknicken fährt.Eine empfehlenswerte Lektüre, wenn man Kurioses ebenso schätzt wie die genaue Beobachtung der menschlichen Abgründe, die sich ohne individuelle Schuld öffnen und den Einzelnen verschlingen.Keri Hulme: Der Windesser Te Kaihau, Fischer Taschenbuch

