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aspekte  |  28.09.2012 

"Knochenarbeit"

Die "Mona Lisa" kommt nicht zur Ruhe

Wo schlägt ihr Herz? In einem Glassarkophag in Paris oder unter der Erde von Florenz? Ist Mona Lisa das berühmte Bild, oder ist sie das Skelett von Lisa del Giocondo, geborene Gherardini? Leonardo da Vinci wollte doch bloß ein Bild malen, was dazu verdienen, um sich wieder der Wissenschaft und der Vermessung des Menschen zuzuwenden. 

Silvano Vinceti

(28.09.2012)

von Peter Schiering

Stattdessen hat er etwas geschaffen, das viele Verehrer in den Wahnsinn treibt. 470 Jahre hat Lisa Gherardini del Giocondo - das Modell der Mona Lisa - in einem ehemaligen Kloster in Florenz gelegen. Bis … er kam: Silvano Vinceti, selbst ernannter Entdecker der letzten Geheimnisse und virtuoser Öffentlichkeitsarbeiter.


"Es ist geschmacklos"

Seit über einem Jahr lässt er das Kloster umpflügen, um die sterblichen Überreste der Gioconda ins Kameralicht zu zerren. Das Ziel: Die Rekonstruktion ihres Gesichtes. Warum tut man so was? Vinceti sagt: „Weil ein Rausch darin liegt, die Rätsel großer Persönlichkeiten zu lösen, die uns soviel Schönheit und Wahrheit geschenkt haben.“

ZITAT

Es liegt ein Rausch darin, die Rätsel großer Persönlichkeiten zu lösen, die uns so viel Schönheit und Wahrheit geschenkt haben.”

Silvano Vinceti

Wie viele Skelette hat er denn schon gefunden und ist Lisa dabei? „Im Augenblick fünf, ja, Moment, drei und zwei. Und möglicherweise noch andere. Am Ende können es auch 20 werden“, so der Vorsitzende des „Nationalkomitees für das Kulturelle Erbe“.

Aha! Und danach soll das Alter der Knochen bestimmt werden und Vinceti muss ans Familiengrab mit Lisas Kindern, um die DNA abzugleichen. Klingt ein bisschen wie Lottospielen. „Generell kann man sagen, es ist geschmacklos, wenn ich die Totenruhe von Mona Lisa oder ihrer Familie störe“, meint Frank Zöllner, Leonardo-Experte Professor an der Uni Leipzig. „Immer noch mehr Gräber zu öffnen, bloß weil man darauf hofft, auf Knochen zu stoßen, die aus dieser Familie stammen. Das würde in den Top-Ten des ‚Leonardo-Mona Lisa Unsinns’ irgendwo im Bereich der ersten drei Plätze landen.“

Die echte Lisa war eine einfache, reiche Kaufmannsfrau. Vielleicht lächelte sie nur für Sekundenbruchteile. Noch wahrscheinlicher: Leonardo hat ihr Lächeln und ihre Schönheit erfunden. In der Via della Stufa in Florenz könnte sie gewohnt haben, als Da Vinci um 1503 von ihrem Mann Francesco del Giocondo den Auftrag bekam, sie zu malen. Doch Leonardo hat das Bild nie abgeliefert. Stattdessen nahm er es 13 Jahre mit auf Reisen - bis nach Frankreich, wo er starb.

Sie lächelt hinter zentimeterdickem Panzerglas


Der Hype um das Bild geht erstmal moderat los. Hysterisch wird es erst 1911, als der Malermeister Peruggia es aus dem Louvre raubt und in Leonardos Heimat Florenz zurückbringt. Zwei Jahre später wird er dort verhaftet. Als Legende kehrt das Bild nach Paris zurück. In den 60ern durfte es sogar wieder reisen, nach New York, nach Washington … inzwischen sprengt der Ruhm alle Grenzen. John F. Kennedy sagte 1963 über die Mona Lisa: „Das Gemälde steht nicht nur für große Kunst. Sein Schöpfer verkörpert den Ursprung unserer Zivilisation.“

ZITAT

Das Gemälde scheint die Spinner aller Welt anzuziehen, wie das Licht die Motten.”

Frank Zöllner (Kunsthistoriker)

Heute lächelt sie hinter zentimeterdickem Panzerglas. Wer ihr was anhaben will, kann das nur noch symbolisch. Etwa mit Theorien, dass das Modell gar nicht Lisa Gherardini war, sondern eine Geliebte von Lorenzo de Medici oder von Leonardos Lieblingsschüler Salai. Außerdem - Dan Brown lässt grüßen - sei ein geheimer Code in ihren Augen …
Auch immer wieder gern genommen: Die Theorie von einer zweiten Mona Lisa aus Leonardos Hand. Gestern in Genf im Hotel Beau Rivage: Eine „Expertengruppe“ tritt den „ultimativen“ Beweis an, dass es eine erste Fassung der Mona Lisa gibt, angeblich zehn Jahre früher gemalt. Äufwändig werden beide Bilder verglichen. Aber was beweist das?
„Das Gemälde, um das es geht ist, ja schon seit Jahren bekannt“, sagt Zöllner. „1913 wurde es entdeckt. Das Gemälde ist nach meiner Auffassung eine Fälschung des späten 19. Jahrhunderts oder des frühen 20. Jahrhunderts. Ich glaube nicht, dass man das weiter kommentieren muss.“ Lisa Gherardini wird so schnell nicht zur Ruhe kommen. Leonardos Bild bleibt von Allen begehrt. Bis, ja bis wir ein anderes, noch spektakuläreres Objekt der Begierde finden.

28.09.2012

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