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Nichts ist so, wie es scheint

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel

Diese Bilder kennen wir alle. Sie berühren uns flüchtig - und sie lassen uns letztlich kalt: Erschöpfte, mit knapper Not dem Tode entronnene Flüchtlinge aus Afrika erreichen mit letzter Kraft die Strände Lampedusas, Siziliens und anderer südeuropäischer Küsten. Wenn sie sie erreichen. Zumeist sind es Wirtschaftsflüchtlinge – Menschen, die der Not ihrer Heimatländer entkommen und sich auf dem Sehnsuchtskontinent Europa ein besseres Leben erträumen. 

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel, Rowohlt / Quelle: Rowohlt

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel

(12.09.2012 Quelle: Rowohlt)

von Jürgen Tesch

Die Hauptperson dieses Buches - eine junge Afrikanerin, deren Herkunft wir nicht erfahren, deren wahren Namen wir nicht erfahren - hat ein anderes starkes existenzielles Motiv für die gefährliche Reise nach und durch Europa: Sie will zu ihrem entführten Kind nach Berlin, irgendwo im Norden dieser Welt. Dafür gibt sie ihren sicheren Job in einem tunesischen Hotel auf, dafür hat sie Sex mit Hotelgästen - um Geld für die Reise zu sparen.

Eine Frau aus der Perspektive vieler Anderer

Im ersten Teil des Romans lernen wir die junge Frau, die sich im Fortgang der Handlung Ines nennt, nur durch die Augen und Schilderungen der Menschen kennen, die ihr begegnen: Eine Arbeitskollegin, ein Inspektor, ein LKW-Fahrer, eine Schneckensammlerin, ein Schachspieler, ein Jäger, ein Pastor, ein Mann namens Drittes Millenium, eine Dokumentarfilmerin, ein altes Paar, das sich getrennt hat, ein neuseeländischer Globetrotter.

Zur Person

Lloyd Jones ist 1955 in der Nähe der neuseeländischen Hauptstadt Wellington, in Lower Hutt geboren. Er hat Politikwissenschaften studiert und als Journalist Asien, Europa und die USA bereist. Sein bisher größter literarischer Erfolg ist der 2006 erschienene Roman "Mister Pip", der mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. Von 2007 bis 2008 lebte Lloyd Jones als Stipendiat der Organisation Creative New Zealand ein Jahr lang in Berlin. Wie treffsicher sich der Schriftsteller in dieser Zeit in deutsche Befindlichkeit eingefühlt hat, beweist er in seinem Buch mit der Schilderung einer kleinen Szene während der Fussballeuropameisterschaft 2008: „Als Deutschland das erste Tor gegen Polen schoss, suchten die Fernsehkameras die Kanzlerin in der Menge. Sie sprang erregt auf die Füße, wie jeder einigermaßen treue Anhänger es tun würde, aber dann ertappte sie sich, und es war, als bliese ihr die ganze deutsche Geschichte in den Nacken; mit unglücklicher Miene setzte sie sich wieder hin, zur wissenden Erleichterung der mitfühlenden deutschen Kommentatoren.“


Lebenslinien kreuzen sich, Bruchstücke unterschiedlicher Biografien werden sichtbar und nebenbei und vor allem wird die Geschichte von Ines erzählt, die die Bootsfahrt über das Mittelmeer überlebt, die sich mit einem gestohlenen Atlas nach Berlin durchschlägt, die den Vater ihres Kindes findet, die ihr Kind findet, die in der Illegalität lebt.

Die Berichte über diese Begegnungen sind Zeugenaussagen. Im juristischen Wortsinne. Denn die Frau im blauen Mantel hat ein düsteres Geheimnis. Im zweiten Teil spricht - endlich – Ines selbst. Die bisher Sprach- und scheinbar Gefühllose schildert noch einmal das Geschehene und wir lernen alle Mitwirkenden und ihre Erlebnisse neu kennen.

Alle benutzen einander

Eine Mutter sucht ihr Kind. Das könnte Stoff für einen emotionsüberladenen Herz-Schmerz-Roman sein. Ist es aber nicht, weil der Autor seine Figuren distanziert betrachtet und agieren lässt. Fast alle sind selbstsüchtig, fast alle benutzen einander. Auch Ines: Um ihr Ziel zu erreichen und zu überleben, ist sie auf Andere angewiesen. Meistens auf Männer. Die meisten lassen sie dafür zahlen, mal mit Geld, öfter mit Sex.

Ein spannendes Stück Literatur, stringent erzählt, nie ermüdend und unverdächtig, vor allem „zum Nachdenken“ anregen zu wollen. Und auch ein Berlin-Roman.

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel, 2010/2012, Rowohlt

04.09.2012

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