von Dalia Antar
Der gerichtsmedizinische Befund lautet damals "Tod durch Unfall"- eine Schmach für die Hinterbliebenen der Opfer. Mit der Forderung nach einer lückenlosen Aufklärung der Katastrophe und der Aufdeckung von möglichen Organisationsfehlern, die zu dieser Tragödie in Hillsborough geführt haben, bleiben die Betroffenen lange ungehört. Den Hinweisen, dass Organisationsfehler der Polizei, wie beispielsweise das Öffnen eines Tores zu den Zuschauerrängen, durch das selbst nach Anpfiff Liverpooler Fans auf die bereits überfüllte Tribüne strömen konnten, zu dem Unglück geführt haben, wird nicht nachgegangen. Um die Wahrheit zu vertuschen, beschuldigt die Polizei sogar betrunkene und gewalttätige Liverpooler die Massenpanik ausgelöst zu haben.Aussagen systematisch manipuliert
Eine 2007 gegründete unabhängige Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des anglikanischen Bischofs von Liverpool legt jetzt einen Bericht von knapp 400 Seiten vor, der Unglaubliches über die Tragödie im Hillsborough-Stadion enthüllt. Demnach habe die Polizei 116 von 164 Aussagen von Zeugen vorsätzlich manipuliert, um den Verdacht bewusst von sich abzuwenden. Daneben wird aufgedeckt, dass es eine gezielte Schmutz- und Verleumdungskampagne gegen die Liverpool-Anhänger durch eine Nachrichtenagentur in Sheffield und der verlagsstarken „Sun“ gegeben hat. Nur Tage nach dem Unglück veröffentlicht die Sun einen kontroversen Bericht über Fans, die Tote ausgeraubt und auf Polizisten uriniert haben sollen.Bei der gerichtlichen Untersuchung der Todesursache werden darüber hinaus eklatante Mängel festgestellt. Über Rettungsmöglichkeiten gibt es keine Berichte und der Todeszeitpunkt ist bei allen Opfern auf 15.15 Uhr festgesetzt. 41 Todesopfer, so der Bericht, hätten gerettet werden können.Cameron entschuldigt sich
Die erdrückende Beweislage schlägt hohe Wellen bis in die höchste Politetage. Der britische Premierminister David Cameron entschuldigt sich nach Jahrzehnten der systematischen Vertuschung für das doppelte Unrecht, das den Hinterbliebenen der Opfer widerfahren sei: für das Versagen des britischen Staates, seine Angehörige zu schützen, und das quälende Warten auf die Wahrheit. Auch Kevin MacKenzie, der ehemalige Chefredakteur der „Sun“ korrigiert seine Schlagzeile hätte „Die Lügen“ statt „die Wahrheit“ lauten müssen.Seit dem 15. April 1989 hat sich das Gesicht des englischen Fußball grundlegend gewandelt. Stehtribünen gibt es seit diesem Unglück in englischen Stadien nicht mehr, Sprechchöre der Fans machen noch heute die Liverpooler Anhänger für diese Veränderung verantwortlich.Verspätete Wahrheit
Das Unglück von 1989 und die systematische Vertuschung der Polizei und Rettungskräfte ist aufgeklärt, 23 Jahre zu spät. Die Angehörigen haben nach Jahren des zermürbenden Kampfes für die Wahrheit und nach Jahren der Verleumdung endlich Gewissheit. Trevor Hicks von der Organisation Hillsborough Justice Campaign zeigt sich mit dem Ergebnis der Untersuchung und dem späten Zugeständnis zufrieden „Die Wahrheit ist ans Licht gekommen, morgen folgt die Gerechtigkeit.“Jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, so hoffen die Hinterbliebenen, werden die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen.

