Chaos in Laos
von Ole Kämper
Steven ist 23 und kommt aus den Niederlanden. Er ist einer von jährlich bis zu 170.00 Rucksacktouristen, die es nach Vang Vieng verschlägt. Fernab der behüteten Heimat genießt er hier ein Leben in Exzessen. "Es ist total verrückt und faszinierend", schwärmt er. "Mit dem Reifenschlauch den Fluss runterzutreiben, von Bar zu Bar, und überall einen wegkippen, umsonst saufen. Viel Musik, viele Leute, tanzen – es ist einfach Wahnsinn."Im Paradies wird hemmungslos gefeiertFrüher ein Bauerndorf inmitten einer atemberaubenden Landschaft, gleicht Vang Vieng heute eher einem Freizeitpark. Seilschaukeln, Wasserrutschen und Sprungfelsen machen den Fluss Nam Song zu einem großen Planschbecken. Immer dabei: massenweise Alkohol und andere Drogen, denn die sind hier besonders billig. Der Fluss ist gesäumt von Bars auf Holzpfosten, die den heimischen Lao Lao-Schnaps gleich eimerweise servieren. Betrunken und zugedröhnt kommt es dann immer wieder zu Verletzungen. Brüche und Schürfwunden sind bei den Touristen an der Tagesordnung, selbst Todesfälle gab es schon. Und trotzdem ist es für viele hier das Paradies auf Erden. "Das ist hier unser Traumland", sagt Abslam aus Wales. "Man hat keine Alltagssorgen, und die Leute hier urteilen nicht über uns. Ich geh einfach hin und sag 'saba-dee', guten Tag, und die sagen auch 'saba-dee'. Die denken nicht gleich 'Was ist das für einer, was will der denn?'"Die Höflichkeit wird falsch verstandenAber eigentlich ist das ein großer Irrtum. Denn Laoten sind fromm. Ihr Alltag ist geprägt vom Buddhismus und dem Glauben an mächtige Geister. Im Zusammenleben sind sie besonders konservativ und eher bescheiden. Mit volltrunkenen und leicht bekleideten Touristen in Shorts und Bikinis können sie wenig anfangen, sie finden das anstößig. Doch ihre Mentalität verbietet es ihnen, sich bei den Gästen darüber zu beschweren."Die meisten Menschen hier sind nicht besonders gebildet", erklärt Sengkeo, genannt Bob. Er hat selbst lange in Kanada gelebt und kennt beide Seiten. "Sie tratschen über die Touristen, aber sie trauen sich nicht, damit rauszurücken und zu sagen: 'Das ist gegen unsere Kultur.' Darüber sprechen sie nur miteinander."Der Touristenstrom hat seinen Preis Und so entsteht das Missverständnis, die Laoten erfreuten sich am freizügigen, aber lukrativen Partyspaß der Touristen. Dabei bedeutet das frivole Treiben einen krassen Einschnitt im Leben der Einheimischen. Rund um den Fluss haben die Familien früher gewaschen, gebadet und geangelt. Doch die Touristen und die vielen Unfälle hätten den Fluss mit einem schlechten Karma belegt, sagen sie. Seitdem meiden sie ihn.Carsten aus Deutschland sieht das Ganze zweischneidig: "Zum einen verdienen sie Geld an uns", sagt er. "Aber sie haben eben auch kein Leben mehr. Sie richten sich ja ganz nach uns." Trotzdem lässt er sich nicht vom Feiern abbringen. "Aktuell genieß ich das, weil ich in der Situation bin, das auszunutzen", sagt er. "Ich weiß nicht, ob das fair ist."

