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auslandsjournal  |  20.06.2012 

Dem Ruf der Natur folgen

Die Weisheit der Schweizer Wetterpropheten

Laut knatternd durchbricht eine Motorsäge die Stille an den Hängen des Schweizer Muotathal. Am Werk sind nicht etwa Forstarbeiter sondern der „Wetterschmöcker“ Kari Hediger. „Wetterschmöcker“ ist die Bezeichnung für sechs wohl bekannte Urgesteine der Region. Diese Herren gehobenen Alters mit zerfurchtem Bartgesicht haben sich eine ganz eigene Disziplin zur Lebensaufgabe gemacht. Sie sagen das Wetter des nächsten halben Jahres anhand der Natur voraus. 

"Wetterschmöcker" Kari Hediger. / Quelle: ZDF

Schweizer "Wetterschmöcker"

(20.06.2012 Quelle: ZDF)

von Kristin Häfemeier

„Diesem Sägemehl zufolge wird es noch eine Weile regnen – dann wird es etwas wärmer. Es wird aber auch etwas kühler gegen Ende des Monats“, meint Hediger, während er nachdenklich auf frisch geschnittenen Sägespänen herumkaut. Allein berufsbedingt lässt der alte Bauer das Wetter nie aus den Augen. Bei einer falschen Prognose bleibt Wetterprophet Kari Hediger im Gegensatz zu seinen Fans jedoch gelassen: „Für mich bedeutet es nicht so viel, aber für die andern Leute. Die gehen dann auf einen los. Aber ich bin ja immer noch am Leben, es ist nicht so schlimm.“

Ameisenbisse als Anhaltspunkt

Der wohl bekannteste unter den sechs Naturburschen ist Martin Horat, auch als das „Wettergedächnis“ bezeichnet. Ameisen sind sein Geheimrezept. Seine Popularität weit über die Schweizer Grenzen hinaus verdankt der Wetterfrosch einem Werbespot der Schweizer Tourismusindustrie, der mit knapp 30.000 Klicks inzwischen als echter Youtube-Hit gilt. In einem Ameisenhaufen sitzend lässt sich der Wetterexperte über die „Skifahrer-Oberschenkel“ der ihm durchs Gesicht krabbelnden Insekten aus. Das spreche eindeutig für einen hervorragenden Winter. Der Erfolg gibt ihm recht. Der aktuelle Wetterkönig hat die Auszeichnung, die an den treffsichersten der sechs Wetterpropheten geht, vor kurzem zum 12. Mal erhalten. Er und seine Kollegen werden häufig um Rat gebeten. Ob nun Bauern oder Brautpaare - in der Schweiz vertrauen sie der Prognose der Naturburschen.

Martin Horat vertraut bei seinen Wetterprognosen auf Ameisen. / Quelle: ZDF
Martin Horat zählt auf Ameisen. (Quelle: ZDF)
Alle sechs Monate im Oktober und April finden sich die Wetterpropheten zusammen, um einem wachsendem Publikum mit viel Witz und Wortgewandtheit ihre aktuelle Prognose zu präsentieren. Die sechs Urgesteine erfreuen sich dabei einer stetig wachsenden Fangemeinde. Über 4000 Mitglieder zählt der Verein der Schweizer Wetterfrösche nun schon. Den Ursprung dieses eher unkonventionellen Wettkampfs bildet ein Streit zweier muotathaler Bauern aus dem Jahr 1947. Beide waren der Überzeugung, das Wetter schon monatelang zuvor prophezeit zu haben.

Treffsicherheit und Showtalent

Beim heutigen Messen der sechs „Wetterschmöcker“ zählt die Vortragsweise jedoch genauso wie die Stimmigkeit der Vorhersage. Die knapp 750 Zuschauer stimmen mit Applaus über ihren Favoriten ab. Doch wer sich den ehrenhaften Wanderpokal in Form einer geschnitzten Waldeule erkämpfen möchte, braucht vor allem ein Händchen bei dem Wetter des vergangenen Halbjahres.

Die Prognose für den Sommer sieht übrigens eher trüb aus. Doch wie bei allen Voraussagen der „Wetterschmöcker“ gilt auch diese Aussage erst einmal nur für das Muotathal.

20.06.2012

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