zurück Startseite

auslandsjournal  |  09.05.2012 

Japan schaltet ab

Nippons Atomindustrie am Scheideweg

Shinko Sasamoto ist besorgt. Besorgt um ihre drei Kinder. Gemeinsam lebt die Familie in der westjapanischen Präfektur Fukui. Im Umkreis von 70 Kilometern gibt es insgesamt fünf Atomkraftwerke. Zwar wurden in einem eher schleichenden Prozess alle japanischen AKWs abgeschaltet, doch erste Gerüchte über eine neue Aktivierung machen die Runde. Den Neustart will die Regierung angeblich in Oi wagen, einer Kleinstadt in der Präfektur Fukui. „Wenn das Atomkraftwerk von Oi jetzt als erstes wieder ans Netz geht ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dann alle anderen Atomkraftwerke in der Region ebenfalls wieder hochgefahren werden“, sagt Shinko Sasamoto. 

Japans Atomindustrie am Scheideweg

Seit dem Wochenende ist Japan atomenergiefrei – zumindest vorübergehend. Denn während die Bevölkerung die Abschaltung des letzten Atommeilers feiert, will die Regierung schnell wieder ans Netz.

(09.05.2012)

Hanna Hofmann

Die Katastrophe von Fukushima im März 2011. Ein 150 Sekunden langes Erdbeben versetzte damals die Welt in Schrecken. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kam es aufgrund von Stromausfällen zur Kernschmelze. Acht Prozent der Gesamtfläche Japans wurden kontaminiert.

Letzter Reaktor vom Netz

Ein Jahr nach der Katastrophe macht Japan erneut auf sich aufmerksam. Seit dem 5. Mai ist das Land atomenergiefrei – vorerst. An diesem Tag ging der letzte, noch aktive Reaktor Tomari-3 auf der Halbinsel Hokkaido vom Netz. Bereits im April waren 52 der 54 Reaktoren aufgrund von Wartungsarbeiten oder als Antwort auf das Unglück von Fukushima heruntergefahren. Kein einziges Atomkraftwerk wurde bisher wieder hochgefahren. Wie es weiter geht weiß keiner so genau. Japan muss jedoch handeln. Im Sommer drohen vor allem den Metropolen wie Tokio, Osaka und Kyoto Stromlücken von bis zu 20 Prozent, aufgrund der extremen Nutzung von Klimaanlagen.

Die Regierung lässt die Bevölkerung weiterhin im Dunkeln tappen und bezieht keine eindeutige Position beim Thema Kernenergie. Zwar will Premier Yoshihiko Noda Japan nicht „wiederherstellen“, sondern „neu aufbauen“. Aber ob das mit oder ohne Atomkraft geschehen soll, bleibt unklar. Noch bedient sich die Regierung der alten Rheorik:  Atomkraft sei sicher, sauber und günstig. Öl und Gas hingegen müssten importiert werden und seien zu teuer, ineffizient und unzuverlässig. Tatsächlich drückt der vorläufige Atomausstieg heftig auf die Handelsbilanz des Landes und die Energieunternehmen stecken tief in den roten Zahlen.

Alternative erneuerbare Energien?

Doch das Potential der Insel liege in erneuerbaren Energien wie Windkraft, Solarstrom oder Erdwärme, sagt Tetsunari Iida, einer der führenden Energieexperten des Landes:Wenn es denn eine politische Entscheidung gäbe, könnte Japan innerhalb von zehn Jahren, die Lücke schließen, die die Atomkraft hinterläßt und innerhalb 40 oder 50 Jahren auch noch alle fossilen Brennstoffe ersetzen.“

Anstatt in alternative Energien zu investieren verharre die Regierung in der alten Politik, da sind sich viele Japaner einig. Die Energiepolitik müsse reformiert und der Strommarkt liberalisiert werden, fordern sie. Private Unternehmer, die aus eigener Tasche Solarkraftwerke aufbauen wollen, würden von der Regierung angeblich sogar behindert oder sabotiert.

Bevölkerung will den Ausstieg

Viele Japaner machen ihren Unmut darüber öffentlich, gehen auf die Straße und protestieren. Journalisten machen sich zur Not selbstständig, um Kritik veröffentlichen zu können, Bevölkerung und die Präfekturen verweigern ihr „Ja“ zur erneuten Aktivierung der alten Meiler. Die Angst vor einem erneuten Unglück ist einfach groß. Drei Viertel der Japaner wünschen den Atomausstieg. Auch Shinko Sasamoto hofft für sich und ihre Kinder, dass die Regierung auf die Stimme des Volks reagiert und die Atomkraft bald Geschichte ist.

09.05.2012, Quelle: ZDF

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.



 
* Pflichtfelder  
Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen