Japans Atomindustrie am Scheideweg
Hanna Hofmann
Die Katastrophe von Fukushima im März 2011. Ein 150 Sekunden langes Erdbeben versetzte damals die Welt in Schrecken. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kam es aufgrund von Stromausfällen zur Kernschmelze. Acht Prozent der Gesamtfläche Japans wurden kontaminiert.Letzter Reaktor vom NetzEin Jahr nach der Katastrophe macht Japan erneut auf sich aufmerksam. Seit dem 5. Mai ist das Land atomenergiefrei – vorerst. An diesem Tag ging der letzte, noch aktive Reaktor Tomari-3 auf der Halbinsel Hokkaido vom Netz. Bereits im April waren 52 der 54 Reaktoren aufgrund von Wartungsarbeiten oder als Antwort auf das Unglück von Fukushima heruntergefahren. Kein einziges Atomkraftwerk wurde bisher wieder hochgefahren. Wie es weiter geht weiß keiner so genau. Japan muss jedoch handeln. Im Sommer drohen vor allem den Metropolen wie Tokio, Osaka und Kyoto Stromlücken von bis zu 20 Prozent, aufgrund der extremen Nutzung von Klimaanlagen.Die Regierung lässt die Bevölkerung weiterhin im Dunkeln tappen und bezieht keine eindeutige Position beim Thema Kernenergie. Zwar will Premier Yoshihiko Noda Japan nicht „wiederherstellen“, sondern „neu aufbauen“. Aber ob das mit oder ohne Atomkraft geschehen soll, bleibt unklar. Noch bedient sich die Regierung der alten Rheorik: Atomkraft sei sicher, sauber und günstig. Öl und Gas hingegen müssten importiert werden und seien zu teuer, ineffizient und unzuverlässig. Tatsächlich drückt der vorläufige Atomausstieg heftig auf die Handelsbilanz des Landes und die Energieunternehmen stecken tief in den roten Zahlen.Alternative erneuerbare Energien?Doch das Potential der Insel liege in erneuerbaren Energien wie Windkraft, Solarstrom oder Erdwärme, sagt Tetsunari Iida, einer der führenden Energieexperten des Landes:„Wenn es denn eine politische Entscheidung gäbe, könnte Japan innerhalb von zehn Jahren, die Lücke schließen, die die Atomkraft hinterläßt und innerhalb 40 oder 50 Jahren auch noch alle fossilen Brennstoffe ersetzen.“Anstatt in alternative Energien zu investieren verharre die Regierung in der alten Politik, da sind sich viele Japaner einig. Die Energiepolitik müsse reformiert und der Strommarkt liberalisiert werden, fordern sie. Private Unternehmer, die aus eigener Tasche Solarkraftwerke aufbauen wollen, würden von der Regierung angeblich sogar behindert oder sabotiert.Bevölkerung will den AusstiegViele Japaner machen ihren Unmut darüber öffentlich, gehen auf die Straße und protestieren. Journalisten machen sich zur Not selbstständig, um Kritik veröffentlichen zu können, Bevölkerung und die Präfekturen verweigern ihr „Ja“ zur erneuten Aktivierung der alten Meiler. Die Angst vor einem erneuten Unglück ist einfach groß. Drei Viertel der Japaner wünschen den Atomausstieg. Auch Shinko Sasamoto hofft für sich und ihre Kinder, dass die Regierung auf die Stimme des Volks reagiert und die Atomkraft bald Geschichte ist.

