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auslandsjournal  

Kampf um Anerkennung

Der Weg einer afghanischen Boxerin

Seit 2007 trainiert in Kabul Afghanistans erste weibliche Boxmannschaft. Boxerin Sadaf Rahimi sollte sogar eine Wildcard für die Olympischen Spiele in London erhalten. Auch fünf Jahre nach der Gründung kämpfen die Mädchen gegen Widerstand und Vorurteile- und  überwinden dabei nicht nur sportliche Hindernisse. 

Kampf einer Boxerin um Anerkennung

Sadaf Rahimi ist Mitglied der ersten weiblichen Boxmannschaft in Afghanistan. Sie wird von vielen kritisch beäugt. Aber eine Wild Card für die Olympischen Sommerspiele hat sie nur knapp verpasst.

(08.08.2012)

von Julia Wacket

Eine kleine Sporthalle in Kabul. Mädchen trainieren in langärmliger Trainingsbekleidung und stemmen Gewichte. Verschwitzt streicht sich die 18-Jährige Sadaf eine Haarsträhne zurück unter ihr Kopftuch. Die dunklen Augen fixieren das Ziel - einen schwarzen Sandsack- dann schlägt sie zu.

Die Boxerin Sadaf Rahimi. / Quelle: zdf
Sadaf Rahimi am Rande des Trainings (Quelle: zdf)
Sadaf Rahimi ist eine von Afghanistans ersten weiblichen Boxerinnen. Dass sie und die anderen Mädchen boxen dürfen, grenzt an ein kleines Wunder. Keine elf Jahre ist es her, dass die Taliban das Land regierten und Frauen nicht einmal zur Schule gehen oder arbeiten durften. In dem Stadion, vor dem die Mädchen heute trainieren, wurden früher Ehebrecherinnen öffentlich hingerichtet. Von den Jungen ernten die Mädchen beim Training skeptische Blicke. Manche akzeptieren die Sportlerinnen, andere sind weniger begeistert. Auf die Frage ob er seiner Schwester oder Freundin erlauben würde zu boxen, antwortet ein Junge: „Nein auf keinen Fall. Sie können zu Hause Übungen machen, aber rausgehen und boxen, damit bin ich nicht einverstanden.“

Dabei haben die Mädchen die Jungen längst eingeholt. Sadaf gewann bei einem Wettkampf in Tadschikistan die Bronzemedaille und sollte eigentlich bei den diesjährigen Olympischen Spielen in London antreten. Aber nach einer Niederlage während der Weltmeisterschaft in China wurde der 18-Jährigen die Wildcard nicht gewährt, aus Angst, sie könne der Konkurrenz nicht standhalten. Sie wäre erst die zweite Afghanin gewesen, die ihr Land offiziell bei den Spielen vertritt, nach der Läuferin Robina Muqimyar, die 2004 in Athen teilnahm. Überhaupt darf Afghanistan erst seit 2004, nach dem Sturz der Taliban, wieder an den olympischen Spielen teilnehmen.

Der Wille der Mädchen zum Boxen ist zwar da, aber die finanziellen Mittel sind gering. Die Mannschaft wird von der Entwicklungsorganisation Oxfam und der afghanischen Friedensorganisation „Cooperation for Peace and Unity“ (CPAU) finanziell unterstützt, doch bei genauem Blick in die verstaubte Sporthalle wird deutlich, dass hier so manches fehlt. In dem kargen Saal liegen nur ein paar staubige Bodenmatten, ein Boxring ist nicht vorhanden. Schlimmer als die spärliche Ausstattung sind für Sadaf und ihre Freundinnen aber die Vorurteile. „Als ich mit dem Boxen anfing hatte ich ziemliche Probleme in der Schule. Keiner wollte neben mir sitzen. Die Lehrer sagten: Sadaf ist gefährlich, haltet euch von ihr fern“, erzählt die 18-Jährige. Doch mit der Zeit ließen die Kommentare nach. Besonders von anderen Frauen erhalten die jungen Boxerinnen Anerkennung. „Mädchen, die zu Hause eingesperrt sind bringen unser Land nicht weiter. Lasst uns Mädchen heraus lassen, Sport treiben, studieren und damit andere Mädchen motivieren dass auch zu tun“ sagt die Mutter der 14-jährigen Boxerin Nilufee.

Auch Trainer Mohamed Sharifi ist stolz auf seine Mannschaft. Drei Mal die Woche trainiert er mit den rund 30 Mädchen. „Ich habe dieses Team gegründet, weil ich der Welt zeigen will, dass wir Frauen auch konstruktiv einsetzen können“, sagt der Trainer. „Mädchen sollen boxen dürfen und vielleicht einmal so gut werden, dass sie Afghanistan in der Welt berühmt machen“. Sharifi war selbst in den 80er Jahren Profiboxer im Fliegengewicht und ist Vater von zwei Töchtern, die Basketball spielen. 2007 hatte er die Idee eine weibliche Boxmannschaft zu gründen. Ohne ihn wäre womöglich nie etwas aus der Mannschaft geworden, denn in Afghanistan sind Frauen immer noch auf das Engagement von Männern angewiesen. Hätte eine Frau die Mannschaft um Sadaf gegründet, wäre diese wohl nie akzeptiert worden.

Noch bleibt die Geschichte von Sadaf und den anderen Boxerinnen ein Einzelfall. So glaubt die 18-Jährige eher an eine Karriere in der Wirtschaft, statt als Berufsboxerin. Auch ihre Eltern wollen sich vor dem Kamerateam nicht zu erkennen geben. Zu sehr fürchten sie die verachtenden Blicke der Nachbarn. Und doch verleiht Sadafs Geschichte Hoffnung für das von Männern dominierte Land am Hindukusch. Elf Jahre nach dem Sturz der Taliban wächst eine neue Generation Frauen heran, die versucht, Tradition und Moderne zu vereinen. Auch wenn Sadaf ihr Land nun doch nicht vertreten darf, so ist sie in Afghanistan doch schon längst berühmt. Ein Foto von ihr hängt bereits in der Halle des afghanischen Boxverbands - und dort trainieren die Jungen.

08.08.2012

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